Mediation und Inklusion

Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Behinderung

Mediation und Inklusion, das ist ein Thema, über das bisher noch wenig nachgedacht wurde. Deshalb möchte ich gerne in diesem Blogartikel aufzeigen welche Herausforderungen und Chancen dieses Thema umfasst.

Die beiden Fallbeispiele am Anfang dieses Artikels wirken auf den ersten Blick unspektakulär. Es geht um einen Smoothie. Um einen Stein. Um Missverständnisse im Alltag. Und doch zeigen sie etwas Grundlegendes: Inklusion beginnt dort, wo wir Unterschiedlichkeit ernst nehmen – und nicht darüber hinweggehen.

Mediation kann in solchen Momenten Brücken bauen. Aber nur, wenn sie sich selbst weiterentwickelt. Wenn sie nicht nur auf Verständigung zielt, sondern auch auf Zugänglichkeit. Wenn sie bereit ist, sich zu dehnen, zu verlangsamen, andere Wege zu gehen.

Inhalt

Praxisbeispiel 1

Drei Sprachen, ein gebrochener Arm
und eine gelungene Verständigung

Ein warmer Frühlingstag im Innenhof eines Geflüchtetenwohnheims. Auf dem kleinen Spielplatz toben Kinder, die Nachbarsfamilien sitzen auf Bänken, ein junger Mann geht auf dem Weg zur Bushaltestelle quer über das Gelände. Und dann – ein Moment, ein Spiel, ein Wurf: Der achtjährige Rami, Sohn einer geflüchteten Familie aus Syrien, hebt einen Stein auf. Nicht groß, nicht schwer, er ist ins Spiel vertieft. Der Stein fliegt – und verfehlt das Ziel. Yassin, ein 22-jähriger Mann aus Eritrea, will im Reflex ausweichen, stolpert, fällt – und bricht sich den Arm.

Es ist kein böswilliger Vorfall. Niemand ist wütend. Aber es entsteht ein Netz aus Unsicherheit, Missverständnissen, Fragen und Angst.

Yassin, selbst erst seit Kurzem in Deutschland, hat keine Krankenversicherung. Die Erstversorgung in der Notaufnahme klappt, aber wer zahlt? Warum war er überhaupt auf dem Spielplatz? Die Familie von Rami – freundlich, aber schüchtern – ist verunsichert. Hat ihr Sohn einen Schaden angerichtet? Wie geht man hier mit so etwas um? Und Rami selbst? Er hat Angst. Vor dem großen Mann. Vor Ärger. Vor Schuld.

Nach einigen Tagen schlägt ein Sozialarbeiter eine Mediation vor. Die Mediatorin – selbst natürlich nicht muttersprachlich in Arabisch oder Tigrinya – zögert nur kurz. Dann organisiert sie zwei ehrenamtliche Übersetzer:innen, eine spricht Arabisch, die andere Tigrinya. Es ist ein mutiges Experiment. Drei Sprachen, drei Menschen, ein Konflikt. Und ein Raum der Begegnung.

Der Mediationsablauf – langsam, achtsam, mit vielen Pausen

Die Mediation beginnt mit einer kleinen Runde Tee. Kein Nebensatz, sondern bewusster Teil des Settings. Etwas Wärme, etwas Verbindung – bevor es an die Worte geht.

Dann beginnt das eigentliche Gespräch. Immer spricht nur eine Person. Die Mediatorin hört zu, gibt das Wort weiter an die Dolmetscherin oder den Dolmetscher. Dann folgt die Übersetzung – weiter zur nächsten Sprache, dann zurück ins Deutsche. Jeder Satz dauert lange. Aber jeder Satz zählt.

Yassin erzählt, was passiert ist. Dass er sich erschrocken hat. Dass es ihm leid tut, dass Rami sich nun fürchtet. Dass er nie „böse“ war – nur verletzt und überfordert mit dem System. Die arabische Dolmetscherin gibt es weiter. Rami’s Mutter ist sichtlich erleichtert. Rami selbst beginnt langsam aufzutauen.

Dann spricht Rami. Leise, aber deutlich: „Ich wollte niemandem wehtun.“ Die Mediatorin nickt, wartet. Die Übersetzung kommt an. Yassin schaut ihn an, lächelt – und beugt sich leicht vor: „Ich weiß. Ich war auch mal acht.“

Die Mutter fragt schließlich: „Warum warst du überhaupt auf dem Spielplatz?“ Kein Vorwurf, eher echte Neugier. Und Yassin erklärt: Er wollte die Sonne genießen. Den Kindern zuschauen. An seine kleinen Geschwister denken, die noch in Eritrea sind. Der Raum verändert sich. Misstrauen weicht Verbindung. Und dann wollte er ja weiter zur Bushaltestelle …

Sprache als Brücke – nicht als Hürde

In dieser Mediation wurde Sprache nicht als Barriere, sondern als kreatives Werkzeug der Verständigung genutzt. Die Mediatorin musste sich auf ein langsames, zirkuläres Verfahren einlassen. Nichts ging schnell. Aber alles war bedeutsam.

  • Inklusion zeigte sich hier nicht im perfekten Ablauf, sondern in der radikalen Offenheit, alle Stimmen zu hören – trotz aller Unterschiede.
  • Der kleine Rami bekam ebenso viel Raum wie der erwachsene Yassin.
  • Die Mutter durfte fragen. Und Yassin durfte schwach sein, ohne die Angst, missverstanden zu werden.

Nach fast zwei Stunden Mediation war keine Vereinbarung nötig. Es reichte das gegenseitige Verstehen. Zum Abschluss wurde noch einmal Tee eingeschenkt. Kein formeller Akt – aber ein leiser, warmer Abschluss einer Begegnung, die alle verändert hatte.

Praxisbeispiel 2

Inklusive Mediation in der sozialpsychiatrischen Wohngruppe
ein Konflikt um Eigentum und Vertrauen

In einer sozialpsychiatrischen Wohngruppe für Erwachsene mit psychischen Beeinträchtigungen kam es zu einem zunächst alltäglich wirkenden Konflikt – mit einer unerwartet tiefen Bedeutung.

Jonas und Mirko wohnen in derselben Etage. Beide organisieren ihren Einkauf eigenständig. Die Lebensmittel werden – wie in der Wohngruppe üblich – im Gemeinschaftskühlschrank gelagert und mit Namenszetteln versehen. So weit, so praktisch. Doch eines Tages entdeckt Mirko, dass sein Smoothie fehlt. Kein gewöhnlicher Drink, sondern ein für ihn besonders wertvolles Produkt, das er sich gezielt gegönnt hatte. Kurz darauf sieht er Jonas solch einen Smoothie trinken.

Für Mirko ist die Sache klar: „Schon wieder!“ Es ist nicht das erste Mal, dass Lebensmittel verschwinden. Er fühlt sich übergangen, missachtet – und ziemlich sicher, dass Jonas das mit Absicht macht.

Jonas hingegen ist völlig überrascht. Er hat den Smoothie genommen, ohne auf den kleinen Zettel zu achten. Er ging davon aus, dass er zu seinem Einkauf gehört. Als ihn das Team auf Mirkos Ärger anspricht, ist er ehrlich betroffen – aber versteht das Ausmaß der Aufregung nicht.

Die Stimmung zwischen den beiden ist angespannt. Es folgt Rückzug, Misstrauen, unangenehmes Schweigen in der Küche. Das Team der Einrichtung schlägt eine Mediation vor – mit einer internen Mediatorin, die die Verhältnisse in einer sozialpsychiatrischen Wohngruppe kennt. Jonas und Mirko stimmen zu.

Der mediative Prozess – in kleinen Schritten zum Verstehen

Aufgrund der individuellen Bedürfnisse der beiden wurde der Prozess in vier kurze, gut strukturierte Termine unterteilt:

  • Zunächst Einzelgespräche mit beiden (jeweils 10 Minuten): Die Mediatorin baut Vertrauen auf, hört zu, klärt den Rahmen und schätzt ein, wie viel Gesprächsdynamik den beiden zumutbar ist. Beide zeigen Gesprächsbereitschaft – auf ihre Weise.
  • Der zweite Termin bringt beide an einen Tisch: Die Mediatorin gestaltet den Einstieg bewusst ruhig. Es geht um einen sicheren Rahmen, klare Gesprächsregeln und darum, dass jede Perspektive ausgesprochen werden darf. Beide schildern, was sie erlebt haben – sachlich, aber auch spürbar emotional.
  • Im dritten Termin wird es persönlicher: Mirko spricht offen darüber, wie wichtig ihm Ordnung und Kontrolle sind – gerade weil sein Alltag oft chaotisch wirkt. Jonas beginnt zu verstehen. Er merkt, dass es nicht „nur um den Smoothie“ ging. Er sagt leise: „Ich hab den Zettel echt nicht gesehen. Ich wollte dir nichts wegnehmen.“ Ein erster Moment von Verbindung.
  • Im vierten Gespräch entwickeln sie gemeinsam eine Lösung: Künftig sollen zusätzlich zu den Namen farbige Klebepunkte zur Kennzeichnung der Lebensmittel genutzt werden. Einfacher, sichtbarer, eindeutiger. Und beide wollen die neue Regelung der Gruppe selbst in der nächsten Wohngruppensitzung vorstellen – als Zeichen ihrer Verantwortung.

Kleine Veränderung, große Wirkung

Was nach außen wie ein banaler „Haushaltsstreit“ wirkt, war für die Beteiligten ein echtes Beziehungsthema. Es ging um Verlässlichkeit, Respekt, Teilhabe – und auch um Selbstwirksamkeit.

Der Schlüssel zum Erfolg lag in der sensiblen Strukturierung der Mediation:

  • kurze, überschaubare Termine,
  • klare Sprache und visualisierte Gesprächsführung,
  • Geduld, ohne zu überfordern.

Und: Die Mediatorin nahm beide gleichermaßen ernst – nicht trotz, sondern wegen ihrer Unterschiedlichkeit.

Meine Gedanken zu „Mediation und Inklusion“

Wenn man von außen draufschaut, dann ist in jeder Mediation Diversität enthalten. Denn kein Mensch denkt, fühlt oder will wie ein anderer. Genau darin liegt die Essenz von Konflikten – und damit auch die Grundlage von Mediation. Doch über diese grundlegende Unterschiedlichkeit hinaus begegnet uns in der mediationspraktischen Realität eine viel größere, sicht- und spürbare Vielfalt: kulturelle Hintergründe, Sprachen, soziale Positionen, körperliche oder kognitive Voraussetzungen, Alter, Religion, Geschlecht, sexuelle Orientierung.

Das sogenannte Diversitätsrad macht diese Dimensionen sichtbar – und ebenso, wie in jedem dieser Felder Unterschiedlichkeit besteht, kann in jedem Feld davon auch Diskriminierung stattfinden.

Inklusion wird dort besonders notwendig, wo die Unterschiedlichkeit groß und gesellschaftlich wirksam ist. Wo Menschen regelmäßig erfahren, dass sie „anders“ sind – und dass dieses „Anderssein“ als minderwertig oder störend markiert wird. Wo es strukturelle oder emotionale Barrieren gibt, teilzuhaben, mitzureden, gehört zu werden.

Mich hat das Thema in letzter Zeit auf mehreren Ebenen begleitet. Mit den Themen Diversität und Diskriminierung bin ich seit Jahren durch ein Projekt des Berliner Senats stark verknüpft. Im März habe ich ein erfolgreiches Webinar zum Thema „Mediation und Diversity“ durchgeführt. Im Juni dann einen interessanten Workshop zum Thema „Mediation und Inklusion“ bei Victoria Fischer und Steffen Fischer bei den Leipziger Mediationstagen belegt. Die dort diskutierten Perspektiven aus Theorie und Praxis haben mich sehr bereichert und zum Nachdenken gebracht. Und schließlich habe ich in diesem Jahr bereits mehrere Supervisionen von Mediationen durchführen können, in denen Inklusion eine zentrale Rolle gespielt hat. Sei es durch sprachliche Barrieren, durch neurodivergente Denkweisen oder durch Erfahrungen von Ausgrenzung im Schulsystem. Dabei wurde mir klar: Mediation kann inklusiv sein – oder eben auch nicht. Und das macht einen enormen Unterschied.

Ich möchte dich einladen, gemeinsam mit mir auf die Verbindungslinien zwischen Mediation, Inklusion, Diversität und Diskriminierung zu schauen – und darauf, wie wir als Mediator:innen einen Unterschied machen können.

Was meint Inklusion?

Inklusion – ein Wort, das mittlerweile auf vielen pädagogischen Konzeptpapieren steht, auf Flyern, auf Websites. Aber was bedeutet es wirklich?

Im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention meint Inklusion weit mehr als das „Dabeisein“ oder das „Mitmachen dürfen“. Es geht um das gleichberechtigte Teilhaben an allen gesellschaftlichen Bereichen – von Anfang an und ohne besondere Voraussetzung. Niemand muss sich erst anpassen, um mitspielen zu dürfen. Die Umgebung passt sich an die Vielfalt der Menschen an – nicht umgekehrt.

Inklusion ist dabei kein Sonderprogramm für „Menschen mit Behinderung“. Sondern eine Haltung, die alle mitdenkt:
– Kinder, die mit einem Rollstuhl kommen,
– Jugendliche, die wenig Deutsch sprechen,
– Eltern, die sich in Elternabenden nicht sicher fühlen,
– Schüler:innen, die sich als nicht-binär identifizieren,
– Menschen, die in Armut leben oder psychisch belastet sind.

Kurz gesagt: Inklusion wird dort relevant, wo gesellschaftliche Differenzlinien aufeinanderprallen, und wo daraus Ausschlüsse entstehen. Genau hier treffen wir auf das Thema Diversität. Und auf die Kehrseite davon: Diskriminierung.

Inklusion ernst zu nehmen bedeutet auch, Diskriminierung anzuerkennen. Denn ohne die Anerkennung von Machtverhältnissen, Normen und Barrieren bleibt Inklusion ein netter Wunsch. Als Mediator:innen stehen wir immer wieder in Situationen, in denen sich strukturelle Unterschiede zeigen – sei es durch Sprache, Verhalten, Rolle oder auch durch unausgesprochene Erwartungen.

Und genau hier kann Mediation ansetzen. Aber nur, wenn sie inklusiv gestaltet ist.

Wie Mediation zur inklusiven Praxis beitragen kann

Inklusion braucht Dialog. Und Mediation ist Dialog – strukturiert, geschützt, getragen von einer allparteilichen Haltung. Doch damit Mediation tatsächlich inklusiv wirkt, reicht es nicht, das übliche Verfahren auf alle gleichermaßen anzuwenden. Es geht vielmehr darum, den Raum der Mediation so zu gestalten, dass jede:r ihn betreten und sich darin sicher bewegen kann, Unabhängig von Sprache, kognitiven Fähigkeiten, sozialem Hintergrund oder körperlichen Voraussetzungen.

Mediation als Raum für Verständigung

Im Kern bedeutet Mediation: zwei oder mehr Menschen finden in einem geschützten Rahmen gemeinsam einen Weg aus einem Konflikt. Dieser Rahmen bietet die Chance,

  • zuzuhören, ohne gleich zu bewerten,
  • Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken,
  • Missverständnisse zu klären,
  • Vereinbarungen zu treffen, die für alle tragfähig sind.

Das klingt nach einem Ideal, und genau deshalb ist es so wertvoll. Denn viele Menschen erleben im Alltag, dass ihre Perspektive nicht zählt. Dass sie lauter, schneller, sicherer sein müssten, um gehört zu werden. Eine inklusiv gestaltete Mediation setzt dem etwas entgegen: Sie sagt nicht „Alle sind gleich“, sondern „Alle sind verschieden – und haben das gleiche Recht, gehört zu werden.“

Prinzipien der Mediation im Lichte von Inklusion

Einige Grundprinzipien der Mediation passen wunderbar zu inklusiven Ansätzen – wenn wir sie konsequent weiterdenken:

  • Freiwilligkeit: Ist Teilnahme wirklich freiwillig – oder fühlt sich jemand gezwungen, um „nicht wieder Ärger zu machen“? Gibt es Alternativen, wenn jemand sich sprachlich oder emotional überfordert fühlt?
  • Allparteilichkeit: Bedeutet das auch, dass die Mediator:in sich mit den strukturellen Machtverhältnissen auseinandersetzt? Dass sie erkennt, wenn eine Person dauerhaft weniger Raum bekommt oder sich nicht ausdrücken kann?
  • Vertraulichkeit: Kann ich mich öffnen, wenn ich nicht sicher bin, ob meine Worte verstanden oder gegen mich verwendet werden? Wie schaffe ich Vertrauen bei Menschen, die in anderen Kontexten oft ausgegrenzt wurden?
  • Eigenverantwortung: Ist es für alle Beteiligten überhaupt möglich, eigenverantwortlich zu handeln? Oder braucht es Unterstützung – z. B. durch Begleitpersonen, Übersetzungshilfen oder Visualisierungen?

Praktische Gestaltung inklusiver Mediation

Ein inklusiver Mediationsrahmen beginnt oft mit kleinen, aber wirksamen Veränderungen:

  • Sprache anpassen: Manchmal ist es wichtig Einfache Sprache zu nutzen, ohne zu vereinfachen. Komplexe Begriffe erklären. Fachsprache vermeiden. Bei Bedarf mit Symbolen, Bildern oder Gebärden arbeiten. Eine Mediation in Gebärdensprache durchführen? Auch das ist möglich.
  • Mehr Zeit einplanen: Menschen mit kognitiven, emotionalen oder sprachlichen Herausforderungen brauchen oft mehr Zeit zum Formulieren, Verstehen und Entscheiden. Eile erzeugt Ausschluss.
  • Methodenvielfalt nutzen: Mit Karten, Bildern, Zeichnungen oder Symbolen arbeiten, wenn Worte allein nicht reichen. Bei Kindern oder Menschen mit wenig Sprachsicherheit können z. B. Gefühlsbilder oder Bedürfnis-Karten Wunder wirken.
  • Räumliche Zugänglichkeit sicherstellen: Physische Barrierefreiheit ist selbstverständlich – aber auch emotionale Zugänglichkeit zählt. Ist der Raum so gestaltet, dass alle sich wohlfühlen können?
  • Assistenz und Unterstützung zulassen: Manche Menschen benötigen eine Begleitung oder Assistenz – z. B. eine Person ihres Vertrauens, eine pädagogische Fachkraft oder eine Dolmetscher:in. Das sollte nicht als Störung, sondern als notwendige Ressource verstanden werden.

Haltung vor Methode

Am wichtigsten ist jedoch: Es geht nicht nur um Methoden, sondern um Haltung. Die Verbindung von Mediation und Inklusion entsteht in der inneren Haltung der Mediator:in. Bin ich bereit, meine gewohnten Abläufe zu hinterfragen? Machtasymmetrien wahrzunehmen? Meine eigene Sprache zu reflektieren? Unterschiede zuzulassen, ohne sie zu werten?

Diese Haltung ist nicht bequem – aber sie ist befreiend. Denn sie öffnet den Blick auf das, was Mediation wirklich leisten kann: einen sicheren Raum für Dialog inmitten von Unterschieden.

Auch wenn die Haltung besonders wichtig ist für die Verbindung von Mediation und Inklusion, so ist die Sprache eine wichtige „Methode“, damit Mediation inklusiv wirken kann. Mein Blogartikel zum Thema „Die Sprache in der Mediation“ kann hier interessante Anregungen geben.

Grenzen und Herausforderungen

So viel Potenzial in der Verbindung von Mediation und Inklusion steckt – es gibt auch Grenzen. Und es wäre naiv, diese auszublenden. Inklusive Mediation ist nicht immer einfach umzusetzen. Sie fordert heraus – strukturell, institutionell und auch persönlich.

Wenn Strukturen behindern

Manchmal sind es nicht die Menschen, sondern die Systeme, die der Inklusion im Weg stehen.
Ein Beispiel: Eine Schule, die offiziell „inklusiv“ ist, aber weder Zeit noch Personal hat, um bei Konflikten Dolmetscher:innen oder Assistenzkräfte bereitzustellen. Oder eine Kita, in der Kinder mit Behinderung zwar betreut werden, aber bei Konflikten schnell übergangen werden – weil „es zu anstrengend ist, alle einzubeziehen“.

Mediation kann hier viel, aber sie kann die strukturellen Probleme nicht allein lösen. Wenn Räume, Ressourcen und Rahmenbedingungen fehlen, wird aus der inklusiven Idee oft ein Kompromiss. Nicht selten sind es dann die Menschen mit ohnehin wenig Teilhabe, die am Ende draußen bleiben.

Machtverhältnisse – sichtbar machen oder übergehen?

Ein weiteres Spannungsfeld liegt in der Frage: Wie gehen wir als Mediator:innen mit Machtasymmetrien um?

Natürlich: Mediation lebt vom Prinzip der Gleichwertigkeit. Doch die Realität ist oft eine andere. Wenn ein geflüchteter Vater mit begrenzten Deutschkenntnissen auf eine erfahrene Lehrkraft trifft, wenn ein Kind mit Förderbedarf seiner leistungsstarken Klassenkameradin gegenübersteht – dann reicht ein „Wir sind hier alle auf Augenhöhe“ nicht.

Die Herausforderung ist, diese Ungleichheiten nicht zu ignorieren, sondern bewusst zu bedenken. Nicht, um Schuld zu verteilen, sondern um Verständigung überhaupt erst möglich zu machen.

Rolle der Institution

Auch die Haltung und Mitwirkung der Institution, in der die Mediation stattfindet, spielt eine große Rolle.

  • Wird Mediation als pädagogisches Werkzeug verstanden – oder nur als „letzter Ausweg“ bei Streit?
  • Gibt es Vertrauen in den Prozess – oder Misstrauen gegenüber „zu viel Mitbestimmung“?
  • Werden alle Beteiligten eingeladen – oder gibt es implizite Ausschlüsse?

Gerade in Schulen, Jugendhilfeeinrichtungen oder anderen pädagogischen Kontexten zeigt sich oft: Die Bereitschaft zur Inklusion endet dort, wo es unbequem wird. Mediation kann hier ein wichtiger Türöffner sein – aber sie braucht Rückhalt. Ohne Rückendeckung durch Leitung oder Träger läuft sie Gefahr, isoliert zu bleiben.

Inklusive Mediation ist kein einfacher Weg. Aber genau deshalb ist sie wichtig. Dort, wo es schwierig wird, entsteht oft der Raum für echten Wandel – für Perspektivwechsel, für Anerkennung, für neue Formen des Miteinanders.

Fazit

Inklusive Mediation bedeutet:

  • Prozesse so zu gestalten, dass alle Beteiligten sich einbringen können – unabhängig von Sprache, Herkunft oder Beeinträchtigung.
  • Machtverhältnisse zu sehen, ohne Schuld zu verteilen.
  • Methoden so zu wählen, dass alle, und nicht nur die Lautesten, Schnellsten oder Sprachgewandtesten gehört werden.

Sie ist kein Sonderfall. Sie ist das, was Mediation sein sollte, wenn sie in einer vielfältigen Gesellschaft wirken will.

Was es dafür braucht, ist kein Heldentum. Sondern Haltung. Geduld. Flexibilität. Und die Bereitschaft, immer wieder neu zu fragen:

Was brauchst du, damit du hier wirklich mitsprechen kannst?

Wenn das gelingt, dann wird aus einem Konflikt nicht nur eine Lösung – sondern ein Lernmoment. Für alle Beteiligten. Für die Institution. Und auch für uns als Mediator:innen.

Denk gerne an diesen Artikel und diese Gedankengänge zurück, wenn du das nächste Mal eine Mediation führst, in der Inklusion eine Rolle spielt – und hab den Mut, den Rahmen so zu gestalten, dass alle wirklich mitsprechen können. Unterschiedlichkeit ist kein Hindernis – sie ist der Anfang von echter Verständigung.

✨✨✨ In diesem Sinne auf gutes Gelingen, sagt Christa Schäfer ✨✨✨

Hier schreibt:

Aktuelles:

Mein neuer Mini-Kurs ist da🎉
Check & Erfolg: Der Konflikt-Tango💃 Konfliktgespräche gut führen

Folge mir auf:

Mein neustes Produkt für dich:

Bald beginnt die Ausbildung zur Schulmediation. Kursstart in diesem Jahr: 30.03.2023

Hier geht es zur Anmeldung:

Schulmediationsausbildung

 

Kategorien:

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn gerne:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere Artikel

Alles zu Mobbing in der Schule

Leider ist Mobbing in der Schule ein Thema, dem wir momentan sehr viel Aufmerksamkeit widmen müssen. In Deutschland ist jede:r zweite Fünftklässler:in in der Schule von Gewalt betroffen. Jede:r sechste Schüler:in wird gemobbt. In diesem Artikel gibt es viel Wissenswertes zum Thema Mobbing.

Weiterlesen »
Buchstaben von FEEDBACK auf Papier

Wahrnehmung, Wirkung, Wunsch

Wahrnehmung, Wirkung, Wunsch – Das ist der Schlüssel zu effektivem Feedback. Mit diesen 3 Stufen können Brücken zwischen individuellen Perspektiven gelingen und eine Atmosphäre des Wachstums entstehen.

Weiterlesen »

News von Christa

Melde dich hier zu meinem Newsletter an.

Marketing von

Logo