Kians neuer Rucksack – eine Geschichte über Mobbing in der Schule

Junge mit orangefarbenem Rucksack alleine auf dem Schulhof

Am 21. November 2025 findet wieder der Bundesweite Vorlesetag statt – ein Tag, an dem in ganz Deutschland Geschichten in Klassenzimmern, Bibliotheken und Wohnzimmern lebendig werden. In diesem Jahr bringe ich eine besondere Vorlesegeschichte zum Thema Mobbing in der Grundschule mit: Kians neuer Rucksack – eine Geschichte über Mobbing in der Schule. Sie erzählt von Kian, einem Jungen, der mit seinem neuen Rucksack voller Stolz in die Schule geht – und schon bald zum Ziel von Spott und Ausgrenzung wird.

Die Geschichte endet offen. Genau das ist beabsichtigt: Sie ist für den Schulkontext zum Thema Mobbing, zum Vorlesen und Weiterdenken gedacht. Kinder sollen ins Gespräch kommen, Perspektiven wechseln und überlegen, wie die Situation weitergehen könnte. Denn Mobbing lässt sich nur gemeinsam stoppen – durch Mitgefühl, Zivilcourage und klare Grenzen.

Gerade heutzutage sind gute Anti-Mobbing-Strategien besonders wichtig, und mit dem Vorlesen und Bearbeitung dieser Geschichte haben Lehrkräfte, Schulsozialarbeit und weitere pädagogische Fachkräfte eine mögliche gute Strategie in der Hand.

Am Ende des Textes sind didaktische Hinweise zu finden, mit Fragen und Anregungen, wie die Geschichte in der Klasse vertieft werden kann. Sie eignen sich für die Jahrgangsstufen 4 bis 6 und sie regen zu Diskussion, Reflexion und eigenen Lösungsansätzen an.

Inhalt

Kians neuer Rucksack

Montag

Kian trat an diesem Montagmorgen mit einem breiten Grinsen aus der Haustür. Auf seinem Rücken glänzte sein neuer Rucksack – knallorange mit dunkelblauen Streifen und vielen kleinen Fächern. Er hatte ihn sich lange gewünscht, und seine Eltern hatten ihm versprochen: „Wenn du im nächsten Mathetest eine Drei oder besser schreibst, bekommst du ihn.“ Kian hatte sich angestrengt, und nun trug er das Ergebnis stolz auf dem Rücken.

Vor dem Schultor blieb er kurz stehen. Er sah schon seine Klassenkameraden in kleinen Gruppen herumstehen. Ein paar spielten Fußball mit einer zerknitterten Dose, andere redeten über ein Computerspiel. Kian atmete tief durch, dann ging er weiter.

„Wow, was ist das denn?“ hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich. Es war Luca, einer der Lautesten aus der Klasse. „Ein Müllwagen auf deinem Rücken oder was?“ Die Kinder, die danebenstanden, lachten.

Kian versuchte, nicht hinzuhören. Er ging schneller ins Schulgebäude. Doch noch bevor er den Klassenraum erreichte, rief ein anderes Kind: „Vorsicht, der Neon-Kürbis kommt!“ Wieder Gelächter. Einer zog kurz am Rucksack, sodass Kian fast stolperte.

Im Klassenraum setzte er sich stumm auf seinen Platz. Eigentlich wollte er den Rucksack auf den Tisch stellen und seinem Freund zeigen, wie viele Geheimtaschen er hatte. Aber nun schob er ihn leise unters Pult.

Den ganzen Vormittag hörte er immer wieder Gekicher. Auf dem Weg in einen anderen Klassenraum rief jemand von hinten: „Kian, deine Bauarbeiterjacke ist runtergefallen!“ und zeigte auf den Rucksack. Andere griffen die Sprüche auf und lachten.

Kian spürte, wie sein Stolz langsam kleiner wurde. Er traute sich kaum noch, aufzuschauen. In seinem Bauch machte sich ein Knoten breit.

Als der Unterricht zu Ende war, blieb er noch sitzen. Der Klassenraum leerte sich, und Kian schaute auf den Rucksack. Gerade eben hatte er sich so sehr gefreut. Jetzt dachte er: „Vielleicht sollte ich meine Eltern bitten, dass ich wieder den alten nehme. Vielleicht hört es dann auf …“

Dienstag

Am Dienstagmorgen zog Kian sich den Rucksack etwas zögerlicher an. Er hatte kaum geschlafen. In seinem Kopf kreisten die Stimmen, die ihn „Müllwagen“ und „Neon-Kürbis“ genannt hatten. Am liebsten wäre er zuhause geblieben, aber er wusste, das ging nicht.

In der Schule war es zuerst ruhig. Kian hoffte, dass der Spott vom Vortag vielleicht schon vergessen war. Doch in der Pause stand plötzlich Luca mit zwei anderen Jungen vor ihm. „Na, zeig mal deinen Superrucksack“, sagte er spöttisch und grinste breit.

Kian presste die Lippen zusammen. Er wollte einfach weitergehen, aber Luca stellte sich ihm in den Weg. „Hey, Tim, zieh ihm mal den Reißverschluss auf!“, befahl Luca. Tim gehorchte sofort, griff nach dem Rucksack und riss ein Fach auf. Hefte und Stifte fielen zu Boden.

„Oh, guck mal, seine Matheaufgaben! Wahrscheinlich auch so knallorange wie der Rucksack!“, rief der dritte Junge, Jonas, und trampelte absichtlich auf ein Heft. Dann stieß er Kian mit der Schulter so heftig, dass dieser gegen die Wand prallte.

„Lass mich!“, murmelte Kian leise, aber keiner hörte auf ihn. Stattdessen trat Luca mit dem Fuß gegen Kians Bein. „Na, was ist? Willst du heulen?“

Ein paar Kinder standen in der Nähe, die meisten sahen weg, aber niemand griff ein.

Als die Pause vorbei war, sammelte Kian schweigend seine Sachen auf. Ein Heft war zerknickt, sein Hosenbein voller Dreck und sogar am Knie aufgerissen. Er setzte sich im Klassenzimmer nach ganz hinten, um nicht aufzufallen.

Am Mittag, kurz vor Schulschluss, blieb die Lehrerin, Frau Meinhardt, an seinem Tisch stehen. Sie sah auf seine Hose. „Kian, was ist denn da passiert? Warum ist die so kaputt und dreckig?“

Kian spürte, wie sein Herz raste. Er hätte es erzählen können. Alles. Aber die drei Gesichter tauchten vor seinem inneren Auge auf. Wenn er etwas sagte, würde es nur schlimmer werden.

„Ich … bin gestolpert“, flüsterte er und starrte auf den Tisch.

Frau Meinhardt runzelte die Stirn, nickte langsam und ging weiter.

Kian atmete aus. Doch tief in seinem Bauch spürte er, dass es morgen wieder passieren könnte. Vielleicht noch schlimmer. Er hatte Angst.

Donnerstag

Am Mittwoch war es ruhig gewesen. Niemand hatte Kian geärgert, niemand hatte ihn auf den Rucksack angesprochen oder ihn geschubst. Fast hatte er geglaubt, dass sich alles wieder beruhigen könnte. Aber als er am Donnerstagmorgen zur Schule ging, fühlte sich sein Bauch trotzdem schwer und flau an. Er wusste nie, was ihn erwartete.

Auf dem Pausenhof dauerte es nicht lange, bis Luca und zwei andere wieder mit einem dicken Grinsen im Gesicht auf ihn zukamen. Sie stellten sich so vor ihn, dass er keinen Schritt mehr weiterkam.

„Na, Petze“, sagte Luca laut, „hast du der Lehrerin was erzählt?“
„Ich … nein, ich habe gar nichts gesagt“, stotterte Kian und hob die Hände.

„Lüg nicht!“, fauchte Luca. „Frau Meinhardt hat uns komisch angeguckt gestern. Und wenn du noch einmal petzt, dann geht’s dir richtig schlecht.“

Tim, der neben ihm stand, ballte die Faust und schlug sie leicht in seine offene Handfläche. Jonas lachte schief. „Du willst doch nicht, dass dein schöner Rucksack morgen im Müll landet, oder?“

Kian schluckte. „Ich habe nichts gesagt … wirklich nicht …“

Luca trat einen Schritt näher und beugte sich so dicht zu ihm, dass Kian seinen Atem spüren konnte. „Dann bringst du morgen zehn Euro mit. Sonst machen wir dich fertig. Verstanden?“

Kians Augen füllten sich mit Tränen. Er versuchte, den Kopf zu schütteln, doch seine Stimme versagte. „Aber … ich hab kein Geld …“

„Dann besorg dir welches!“, rief Luca und stieß ihn mit der Schulter zur Seite. „Du hast bis morgen Zeit.“

Die drei gingen lachend weg, als wäre nichts gewesen. Kian blieb zurück. Er wischte sich hastig die Tränen ab, doch sie liefen immer wieder nach. In seinem Kopf raste alles durcheinander: Sollte er seine Eltern fragen? Würden die ihm glauben? Würden die drei dann erst recht ausrasten?

Der Rest des Schultages verging wie in einem Nebel. Kian hörte kaum, was die Lehrerin sagte. Immer wieder spürte er das Zittern in seinen Händen. Am liebsten wäre er sofort nach Hause gerannt. Aber selbst dort fühlte er sich nicht sicher – denn morgen war Freitag, und die Drohung hing wie eine dunkle Wolke über ihm.

Didaktische Hinweise zur Vorlesegeschichte „Kians neuer Rucksack“

1. Einstieg ins Gespräch

  • Frage die Kinder: „Wie habt ihr euch beim Zuhören gefühlt?“
  • Lass die Schüler:innen beschreiben, welche Szenen sie besonders beschäftigt haben.
  • Stelle klar: Das, was Kian erlebt, ist kein normaler Streit, sondern Mobbing – weil es wiederholt, gezielt und mit einem Ungleichgewicht passiert.

2. Perspektivwechsel

  • Kian: Wie fühlt er sich? Was denkt er?
  • Luca und die anderen: Warum machen sie das? Wie fühlen sie sich dabei?
  • Mitschüler:innen, die zuschauen: Was geht wohl in ihnen vor? Warum greifen manche nicht ein?

3. Fragen an die Klasse

  • Was hätte Kian tun können?
  • Was hätten Mitschüler:innen tun können?
  • Welche Rolle könnten Erwachsene spielen (z. B. Lehrerin, Eltern)?
  • Was wäre ein guter erster Schritt, damit Kian nicht mehr allein ist?

4. Kreative Anschlussaufgaben

  • Schreibaufgabe: Verfasse einen Brief an Kian, in dem du ihm Mut machst oder Tipps gibst.
  • Rollenspiel: Spielt eine Szene nach – und verändert sie so, dass es eine gute Lösung für Kian gibt.
  • Plakatgestaltung: Entwickelt gemeinsam Regeln für eine „mobbingfreie Klasse“.
  • Lösungskarten: Malt oder schreibt auf kleine Zettel, was man tun kann, wenn man Mobbing beobachtet – sammelt diese als „Mut-Karten“.

5. Reflexion und Transfer

  • Besprecht, wo die Grenze zwischen Konflikt und Mobbing liegt.
  • Sprecht darüber, warum es schwer sein kann, Hilfe zu holen – und warum es trotzdem wichtig ist.
  • Fragt die Klasse: Wem könnt ihr euch anvertrauen, wenn ihr so etwas erlebt?“

6. Ziel der Geschichte

Die Geschichte endet bewusst offen. Sie soll Kinder nicht mit einer fertigen Lösung „abspeisen“, sondern sie ermutigen, eigene Ideen zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen und sich klar gegen Mobbing zu positionieren. Falls du jedoch deiner Klasse eine Geschichte mit Ende präsentieren möchtest, so findest du hier ein mögliches Ende für die begonnene Geschichte, verblüffend aber durchaus möglich …

Ein mögliches Ende für die Geschichte

Freitag

Der Freitag begann grau und nieselig. Kian zog die Kapuze tief ins Gesicht. In seiner Hosentasche fühlte er die zerknitterten fünf Euro, die er von seinem Taschengeld zusammengesucht hatte. Zehn Euro konnte er nicht aufbringen. Schon die fünf gaben ihm ein schlechtes Gefühl – er wollte sie gar nicht abgeben. Aber die Angst war stärker.

In der Schule spürte er sofort die Blicke von Luca, Tim und Jonas. In der Pause kamen sie wieder auf ihn zu. „Na, Geld dabei?“, grinste Luca.

Kian nickte unsicher und zog die fünf Euro hervor. „Mehr habe ich nicht …“

„Das reicht nicht!“, fauchte Jonas und machte einen Schritt auf ihn zu. Luca hob schon drohend den Finger, als plötzlich eine Stimme dazwischenfuhr:

„Hört auf damit!“

Alle drehten sich um. Es war Jule, die neben Kian gestanden und das Ganze mitbekommen hatte. „Lasst ihn in Ruhe. Das ist unfair!“

Für einen Moment war es still. Luca verzog das Gesicht. „Misch dich nicht ein.“ Doch Jule wich nicht zurück. „Doch, ich mische mich ein. Das ist Mobbing, und ich finde das doof.“

Kian spürte, wie sein Herz rast. Jemand stand an seiner Seite – zum ersten Mal. Gleichzeitig wusste er nicht, was als Nächstes passieren würde. Würden die anderen nun Jule angreifen? Würden mehr Kinder etwas sagen? Oder würde Luca doch weitermachen?

Kian blickte in die Runde, Tränen in den Augen, aber auch ein kleines bisschen Hoffnung. Jetzt war er nicht mehr ganz so alleine.

Du nutzt die Geschichte zum Vorlesen in deiner Klasse? Dann schreib mir gerne in die Kommentare, wie du damit gearbeitet hast. Und falls du einen Platz im nächsten Anti-Mobbing-Kurs möchtest, so gibt mir bitte ein Zeichen, damit ich dir einen Platz reservieren kann.

Beste Grüße von Christa 💛💚💛

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