Der Kiesler-Kreis für bessere Kommunikation

Kreise im Sand

„In unserem täglichen Leben beeinflussen wir uns gegenseitig oft unbewusst durch unsere Kommunikationsmuster. Der Kiesler-Kreis ist ein Modell, das diese zwischenmenschlichen Dynamiken sichtbar macht und hilft, sie besser zu verstehen. Besonders in Bereichen wie Pädagogik und Konfliktlösung kann dieses Modell dazu beitragen, Kommunikationsmuster zu erkennen und positiv zu verändern.“ Dr. Christa Schäfer

Inhalt

Stellen wir uns eine typische Situation vor: Ein Lehrer bemerkt, dass ein Schüler während des Unterrichts unaufmerksam ist. Der Lehrer spricht den Schüler streng an, was dazu führt, dass sich der Schüler zurückzieht und noch weniger am Unterricht teilnimmt. Dieses Muster kann sich wiederholen und zu einem Teufelskreis führen, in dem beide Parteien zunehmend frustriert sind. Durch das Verständnis des Kiesler-Kreises können solche Muster erkannt und durchbrochen werden, indem alternative Kommunikationsstrategien entwickelt werden.

Ursprung und theoretischer Hintergrund

Der Kiesler-Kreis, benannt nach dem US-amerikanischen Psychologen Donald J. Kiesler (1933–2007), ist ein Modell zur Analyse und Beschreibung zwischenmenschlicher Interaktionen. Kiesler promovierte 1963 in klinischer Psychologie und arbeitete unter anderem am Psychiatrischen Institut der University of Wisconsin in der Forschungsgruppe von Carl Rogers. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt lag auf der Theorie, Diagnostik und Therapie interpersoneller Probleme. ​

Der Kiesler-Kreis basiert auf der Annahme, dass menschliches Verhalten in sozialen Interaktionen entlang zweier Hauptdimensionen beschrieben werden kann, der Dimension Kontrolle und der Dimension Zugehörigkeit.

Durch die Kombination dieser beiden Achsen lassen sich acht verschiedene Interaktionsstile identifizieren, die im Kiesler-Kreis systematisch angeordnet sind. Diese Interaktionsstile ermöglichen es uns, die Dynamik zwischenmenschlicher Beziehungen besser zu verstehen und vorhersehbare Muster in Interaktionen zu erkennen.​

Der Aufbau des Kiesler-Kreises

Der Kiesler-Kreis ist ein Modell zur Darstellung zwischenmenschlicher Verhaltensweisen und ihrer gegenseitigen Beeinflussung.

Zwei Hauptdimensionen

Der Kiesler-Kreis basiert auf zwei Hauptdimensionen:​

Kontrolle:

Diese vertikale Achse reicht von „dominant“ (kontrollierend) bis „unterwürfig“ (nachgiebig).​

Zugehörigkeit/Beziehung:

Die horizontale Achse erstreckt sich von „freundlich“ (nah) bis „feindselig“ (distanziert).​

Die zwei Dimensionen im Kiesler-Kreis

Acht charakteristische Interaktionsstile

Durch die Kombination dieser beiden Achsen entstehen acht charakteristische Interaktionsstile, die jeweils spezifische Verhaltensmuster repräsentieren.

Die 8 Typen im Kiesler-Kreis

Die Grafik ist in Anlehung an folgendes Arbeitspapier entstanden:
Arbeitspapier der Uni Greifswald über das Kiesler-Kreis-Training.

Details zu den acht charakteristischen Interaktionsstilen

Die dominant-offene Person

übernimmt selbstverständlich die Führung und strahlt eine natürliche Autorität aus. Sie ist sich ihrer Wirkung bewusst und weiß, dass andere ihre Einschätzung und Anleitung schätzen. Ihr Kommunikationsstil ist klar und direkt, ohne aggressiv zu wirken. Eine aufrechte Körperhaltung, fester Blickkontakt und ein zielgerichteter Ausdruck unterstreichen ihre Präsenz. Diese Person kann Entscheidungen treffen, ohne sich von mangelnder Zustimmung verunsichern zu lassen. Ihre Wortwahl ist eindeutig und handlungsorientiert: „Wir packen jetzt die Bücher weg und starten mit der Gruppenarbeit.“ Gleichzeitig bleibt sie konsequent in der Begrenzung: „Nein, die Handys bleiben während des Unterrichts in der Tasche.“

Die freundlich-dominante Person

vereint Führungsstärke mit Offenheit und Flexibilität. Sie kann Regeln setzen, ohne autoritär zu wirken, und begegnet anderen mit Wärme und Klarheit. Ihre Stimme ist bestimmt, aber freundlich, und ihre Körpersprache zeigt Sicherheit bei gleichzeitiger Zugewandtheit. Sie kann Grenzen setzen, ohne sich rechtfertigen zu müssen, bleibt aber offen für die Perspektive des Gegenübers. Ihre Wortwahl ist mitfühlend, aber bestimmt: „Ich verstehe, dass du noch nicht fertig bist, aber jetzt ist die Abgabezeit. Du kannst mir aber gerne sagen, was dich aufgehalten hat.“ Sie begleitet die Frustration der Schüler:innen mit Empathie, ohne nachzugeben: „Ich weiß, dass es dir schwerfällt, aber die Regel ist, dass wir unsere Aufgaben bis zum Ende der Stunde abgeben.“

Die freundlich-nahe Person

ist geprägt von Warmherzigkeit, Kooperationsbereitschaft und Wertschätzung. Sie zeigt offen ihre Gefühle und begegnet anderen mit liebevoller Aufmerksamkeit. Ihre Stimme ist ruhig und sanft, ihre Körperhaltung entspannt und offen. Diese Person sucht den Kontakt auf eine Art, die andere ermutigt, ohne Druck auszuüben. Ihre Wortwahl ist sanft und einladend: „Ich fände es schön, wenn du jetzt mit uns gemeinsam an der Aufgabe arbeitest.“ Allerdings kann sie Schwierigkeiten haben, Grenzen klar zu setzen, wenn sie sagt: „Ach, es wäre wirklich nett, wenn du jetzt aufhörst, deine Sitznachbarn zu stören.“

Die freundlich-unterwürfige Person

wirkt unsicher und sucht nach Zustimmung. Sie hat Angst, klare Entscheidungen zu treffen, und neigt zu übertriebenem Lob oder fast schmeichlerischem Verhalten. Ihre Stimme ist leise und zögerlich, ihre Körperhaltung eher gebeugt. Oft wiederholt sie sich, um sich abzusichern. Sie möchte es allen recht machen und meidet Konfrontationen. Ihre Wortwahl ist vorsichtig und anbietend: „Vielleicht könntest du dein Arbeitsblatt noch ausfüllen, wenn du magst … Aber nur, wenn du wirklich Lust hast.“ In der Begrenzung fällt es ihr schwer, konsequent zu bleiben: „Es wäre wirklich gut, wenn du jetzt dein Handy wegpackst. Vielleicht kannst du es ja nach der Stunde wieder rausholen?“

Die unterwürfig-verschlossene Person

fühlt sich unsichtbar und bedeutungslos. Sie glaubt, dass sie keine Rolle spielt und daher auch keinen Einfluss auf ihr Umfeld hat. Ihre Stimme ist leise und monoton, oft brüchig. Sie vermeidet es zu sprechen, zieht sich zurück und drückt sich kaum durch Worte aus. Ihre Körperhaltung ist gekrümmt, der Blick gesenkt, als wolle sie nicht auffallen. Diese Person fällt kaum auf und wagt es kaum, für ihre eigenen Bedürfnisse einzustehen. Ihre Wortwahl ist zaghaft und unsicher: „Ich weiß nicht, ob ich mich melden soll … Vielleicht weiß jemand anderes die Antwort besser.“ Auch wenn sie eine Grenze setzt, bleibt sie unentschlossen: „Ich würde das eigentlich lieber nicht machen, aber wenn es sein muss …“

Die feindselig-unterwürfige Person

ist zurückhaltend, gleichzeitig aber von einer unterschwelligen Bitterkeit geprägt. Sie ist oft isoliert und leidet still vor sich hin, während sie innerlich Vorwürfe gegen andere hegt. Ihre Stimme ist leise, nörgelnd oder nuschelnd, und sie gibt sich oft als Opfer der Umstände. Ihre Körperhaltung zeigt Widerstand, oft mit verschränkten Armen und abweisendem Blick. Diese Person empfindet das Leben als ungerecht und geht davon aus, dass andere ihr nicht wohlgesonnen sind. Ihre Wortwahl ist von Resignation und stillen Vorwürfen geprägt: „Ich habe ja sowieso keine Chance, eine gute Note zu bekommen, also kann ich mir die Mühe auch sparen.“ Ihre Grenzen setzt sie indirekt und defensiv: „Ich weiß nicht, ob es sich überhaupt lohnt, das abzugeben …“

Die feindselig-distanzierte Person

hält sich emotional zurück und vermeidet persönlichen Kontakt. Sie wirkt kühl, uninteressiert und abweisend. Ihr Tonfall ist schneidend, ihre Worte fordernd und kompromisslos. Ihre Körperhaltung ist aufrecht und oft konfrontativ, mit abschätziger Mimik. Diese Person geht nicht auf andere ein und unterstellt ihnen, dass sie nur ihren eigenen Vorteil suchen. Sie kommuniziert befehlend: „Hör auf zu reden und mach endlich deine Aufgabe!“ und lehnt Diskussionen ab: „Nein, es gibt nichts zu besprechen. Das ist jetzt einfach so.“

Die feindselig-dominante Person

geht offen in den Angriff über, ist streitsüchtig und rachsüchtig. Sie fühlt sich ständig herausgefordert und setzt auf Kontrolle durch Drohungen oder Einschüchterung. Ihre Stimme ist laut, aggressiv und herausfordernd. Ihre Körpersprache ist bedrohlich, mit durchdringendem Blick und aufrechter, breitbeiniger Haltung. Diese Person setzt klare, aber einschüchternde Grenzen: „Hast du mich gerade unterbrochen? Wenn du nochmal reinredest, kannst du die Klasse verlassen!“ Ihre Begrenzungen sind nicht verhandelbar und werden mit Autorität durchgesetzt: „Nein, die Hausaufgabe muss abgegeben werden. Keine Diskussion.“

Durch das Bewusstsein über die eigene Position im Kreis und die möglichen Reaktionen des Gegenübers können Kommunikationsmuster reflektiert und gegebenenfalls angepasst werden, um effektivere und harmonischere Interaktionen zu fördern.​

Dynamik in der Kommunikation: Der zyklische Einfluss

Der Kiesler-Kreis veranschaulicht, wie sich Kommunikationspartner:innen in ihren Verhaltensweisen gegenseitig beeinflussen und dadurch zyklische Muster entstehen. Diese Dynamik basiert auf spezifischen Reaktionsmustern entlang der beiden Hauptachsen des Modells. Die Kontrollachse, die zwischen Dominanz und Unterordnung verläuft, beschreibt das Wechselspiel von Führungsverhalten und Nachgiebigkeit. Dominantes Verhalten führt häufig dazu, dass das Gegenüber sich unterwürfig verhält, während umgekehrt eine unterwürfige Haltung dazu ermutigt, eine dominante Rolle einzunehmen. Die zweite Achse, die Zugehörigkeitsachse, erstreckt sich zwischen Feindseligkeit und Freundlichkeit. Hier zeigt sich, dass Feindseligkeit oft eine ebenso feindselige Reaktion hervorruft und ein freundliches Verhalten in der Regel mit Freundlichkeit erwidert wird.

Diese Muster treten in vielen zwischenmenschlichen Interaktionen auf. Ein Beispiel für eine ausgehende freundliche-dominante Interaktion wäre eine Teamleiterin, die klare Anweisungen gibt und gleichzeitig Unterstützung anbietet. Ihre Teammitglieder reagieren in einem solchen Fall meist kooperativ und folgen den Anweisungen bereitwillig, weil sie sich in ihrer Arbeit ernst genommen und gut angeleitet fühlen. Die Interaktionspartner:innen sind dann in der Regel meist freudlich-unterwürfig.

Ein gegenteiliges Beispiel zeigt sich bei einer ausgehenden feindselig-dominanten Interaktion. Ein Vorgesetzter, der einen Mitarbeiter scharf kritisiert, ohne die Möglichkeit zu einer Antwort zu geben, riskiert, dass sich der Mitarbeiter zurückzieht, passiven Widerstand zeigt oder sogar Groll entwickelt. Hier verstärken sich die negativen Verhaltensweisen gegenseitig, wodurch der Konflikt weiter eskaliert. Meist folgt eine feindselig-unterwürfige Antwort auf den feindselig-dominanten Interaktionsstart.

Es gibt jedoch auch Interaktionen, die ausgeglichener verlaufen. Wenn sich zwei Kolleg:innen freundlich-nah begegnen, also mit Respekt und Wertschätzung miteinander kommunizieren, entsteht eine angenehme und produktive Arbeitsatmosphäre, in der sich beide auf Augenhöhe begegnen.

Umgekehrt kann eine feindselig-distanzierte Interaktion leicht zu Spannungen führen. Äußert beispielsweise ein Kunde seine Unzufriedenheit in einem unfreundlichen Ton, reagiert der Service-Mitarbeiter häufig kühl und distanziert, wodurch die Spannung steigt, anstatt sich zu lösen.

Gerade in Konfliktsituationen zeigt sich, wie leicht sich negative Verhaltensweisen gegenseitig verstärken können. Feindseliges Verhalten ruft in vielen Fällen eine feindselige Reaktion hervor, wodurch sich die Fronten verhärten und eine Eskalation wahrscheinlicher wird. Dieser Teufelskreis verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich der eigenen Verhaltensweisen bewusst zu sein und aktiv gegenzusteuern, um destruktive Kommunikationsmuster zu durchbrechen.

Ein bewusstes Verständnis dieser zyklischen Dynamiken kann dabei helfen, Konflikte zu entschärfen, bevor sie eskalieren. Besonders Fachkräfte in der Mediation und Pädagogik profitieren von diesem Wissen, da sie dadurch effektiver intervenieren können. Indem sie die Mechanismen des Kiesler-Kreises erkennen und bewusst lenken, fördern sie positivere Interaktionsmuster, die zu einer kooperativeren und wertschätzenderen Atmosphäre beitragen.

Anwendung in Mediation und Pädagogik

Der Kiesler-Kreis bietet wertvolle Einblicke in zwischenmenschliche Interaktionen und findet daher natürlich auch Anwendung in den Bereichen Mediation und Pädagogik.​

Mediation:

In der Mediation hilft der Kiesler-Kreis dabei, destruktive Kommunikationsmuster zu erkennen und zu durchbrechen. Durch das Verständnis der zyklischen Natur von Interaktionen können Mediator:innen die Konfliktparteien dabei unterstützen, ihre eigenen Verhaltensweisen zu reflektieren und alternative Kommunikationsstrategien zu entwickeln. Dies fördert eine konstruktivere Konfliktlösung und trägt zur Verbesserung der Beziehungen zwischen den beteiligten Parteien bei.​

Pädagogik:

Im pädagogischen Kontext kann der Kiesler-Kreis Lehrkräften und Erziehenden dabei helfen, ihre Interaktionen mit Schüler:innen bewusster zu gestalten. Durch die Reflexion eigener Kommunikationsmuster können sie erkennen, wie ihr Verhalten das Verhalten der Lernenden beeinflusst. Dies ermöglicht es, eine positive Lernumgebung zu schaffen, in der Schüler:innen sich sicher und unterstützt fühlen. Zudem können Schüler:innen durch das Verständnis des Kiesler-Kreises lernen, ihre eigenen Kommunikationsmuster zu erkennen und effektiver mit anderen zu interagieren.​

Ein Anwendungsbeispiel aus der Mediation

In einer Mediation zwischen zwei Kollegen, Max und Tina, zeigt sich deutlich, wie sich Kommunikationsmuster aus dem Kiesler-Kreis auf Konflikte auswirken. Max beginnt das Gespräch mit einem Vorwurf: „Ich kann nicht mehr mit dir arbeiten, du bist völlig unzuverlässig! Jedes Mal bleibe ich auf der Arbeit sitzen!“ Seine Äußerung ist dominant-feindselig und signalisiert Ärger und Frustration. Tina reagiert darauf nicht direkt mit einer ebenso dominanten Haltung, sondern wählt eine eher unterwürfig-feindselige, passiv-aggressive Strategie: „Ich kann nicht zaubern! Vielleicht solltest du dich besser organisieren, anstatt immer mir die Schuld zu geben.“ Sie weicht dem direkten Konflikt aus, gibt die Verantwortung aber sofort zurück.

Max fühlt sich durch diese Antwort nicht ernst genommen und steigert sich weiter in seine dominante, anklagende Position hinein: „Ach ja? Und du bist wohl die perfekte Kollegin? Ohne mich würde hier gar nichts laufen!“ Die Eskalation setzt sich fort, da beide sich in einem negativen Interaktionsmuster verfangen haben: Max übernimmt die Rolle des dominanten Kritikers, während Tina sich einerseits verteidigt, andererseits aber mit unterschwelligen Spitzen kontert.

Als Mediator erkenne ich dieses Muster und greife ein, um die Kommunikation zu verändern. Ich spreche es bewusst an: „Mir fällt auf, dass ihr beide euch gegenseitig Vorwürfe macht. Max fühlt sich überfordert, Tina empfindet das als ungerecht.“

Für einen Moment scheint die Konfrontation unterbrochen. Max atmet tief ein, während Tina die Arme verschränkt und den Blick abwendet. Um den Fokus von den Schuldzuweisungen wegzulenken, lenke ich das Gespräch auf die dahinterliegenden Bedürfnisse. „Max, du sagst, dass du oft allein mit Aufgaben dastehst. Kannst du mir ein Beispiel nennen, damit wir besser verstehen, wo das Problem liegt?“ Max zögert kurz, dann antwortet er: „Letzte Woche sollte Tina den Projektbericht fertigstellen. Ich habe ihr alle Unterlagen gegeben, aber am Ende musste ich wieder selbst ran, weil es nicht rechtzeitig fertig war.“ Seine Stimme ist noch gereizt, aber weniger angriffslustig.

Ich nicke und wende mich an Tina: „Max sagt, er hat das Gefühl, dass er sich nicht auf dich verlassen kann. Wie hast du die Situation erlebt?“ Tina atmet hörbar aus. „Ich hatte ihm gesagt, dass ich am Donnerstag nicht dazu komme, weil ich in Meetings stecke. Dann war plötzlich Freitag und Max war sauer, weil der Bericht noch nicht fertig war. Aber wir hatten doch gar keinen festen Termin abgesprochen!“ Hier zeigt sich eine typische Dynamik: Max geht davon aus, dass Tina sich an seine Erwartungen hält, während Tina glaubt, dass sie flexibel mit der Situation umgehen kann. Da beide überzeugt sind, dass ihre eigene Sichtweise die richtige ist, entsteht Frust.

Ich fasse zusammen: „Es klingt, als hättet ihr unterschiedliche Vorstellungen darüber gehabt, wann diese Aufgabe erledigt sein sollte. Max, du brauchst klare Zusagen, weil du dich sonst alleingelassen fühlst. Tina, du möchtest flexibler arbeiten, weil du manchmal unvorhersehbare Termine hast. Kommt das so hin?“ Beide nicken, wenn auch zögerlich. Damit ist ein erster Schritt getan – sie hören einander zu und erkennen, dass es um Bedürfnisse geht, nicht um Fehler.

Nun leite ich den nächsten Schritt ein: „Wie könnt ihr in Zukunft vermeiden, dass es wieder zu Missverständnissen kommt?“ Max überlegt kurz und sagt dann: „Ich brauche feste Absprachen. Wenn Tina sagt, dass sie den Bericht bis Donnerstag schafft, dann muss ich mich darauf verlassen können. Und wenn es nicht geht, dann muss ich das rechtzeitig wissen.“ Tina seufzt, aber nickt schließlich: „Okay. Und ich brauche die Freiheit, meine Arbeit selbst zu organisieren. Ich kann eine Deadline akzeptieren, aber ich möchte selbst entscheiden, wann und wie ich daran arbeite.“

Ich lächle. „Das klingt doch nach einem guten Anfang. Also ich habe verstanden, wenn ihr euch eine Frist setzt, achtet ihr beide darauf, dass ihr das gleiche Verständnis darüber haben. Und wenn etwas dazwischenkommt, gebt ihr euch rechtzeitig Bescheid. Ist das eine Lösung, mit der ihr beide leben könnt?“ Nach kurzem Überlegen stimmen beide zu. Die Atmosphäre ist spürbar entspannter. Der Kiesler-Kreislauf wurde durchbrochen, und statt sich weiter in Feindseligkeiten zu verstricken, haben Max und Tina eine neue Gesprächsebene gefunden, die es ihnen ermöglicht, ihre Zusammenarbeit konstruktiv zu verbessern.

Praktische Tipps zur Anwendung des Kiesler-Kreises

Hier sind einige praktische Tipps, wozu du die Theorie des Kiesler-Kreises nutzen kannst.

Nr. 1: Selbstreflexion – Eigene Kommunikationsmuster erkennen

Ein bewusster Umgang mit der eigenen Kommunikation beginnt mit Selbstreflexion. Beobachte, welche Positionen du im Kiesler-Kreis häufig einnimmst. Neigst du eher zu einem dominant-freundlichen Stil oder gerätst du in herausfordernden Situationen in eine unterwürfig-feindselige Haltung? Die Erkenntnis über deine typischen Reaktionsmuster ist der erste Schritt zur Veränderung. Ein weiterer wertvoller Ansatz ist, Feedback von vertrauenswürdigen Personen einzuholen. Oft nehmen diese Aspekte wahr, die einem selbst nicht bewusst sind. Ihre Rückmeldungen können helfen, blinde Flecken in der eigenen Kommunikation zu erkennen und gezielt an einer Veränderung zu arbeiten.

Nr. 2: Flexibilität entwickeln – Anpassung an die Situation

Nicht jede Situation erfordert dieselbe Art der Kommunikation. Übe, dich flexibel im Kiesler-Kreis zu bewegen. In manchen Kontexten ist es hilfreich, eine eher dominante und führende Rolle einzunehmen, während in anderen Momenten Zurückhaltung oder eine unterstützende Haltung angemessener ist. Entscheide bewusst, welche Position im Kiesler-Kreis in einer bestimmten Situation am zielführendsten ist, und passe dein Verhalten entsprechend an. Durch diese bewusste Anpassung kannst du Missverständnisse vermeiden und effektiver mit anderen interagieren.

Nr. 3: Analysiere deine Kommunikation – Gerade auch, wenn sie nicht rund läuft

Der Kiesler-Kreis hilft nicht nur dabei, funktionierende Kommunikationsmuster zu erkennen, sondern ist besonders wertvoll, wenn Gespräche nicht wie gewünscht verlaufen. Analysiere im Nachhinein schwierige Gespräche oder Konflikte und überlege, welche Positionen du und dein Gegenüber eingenommen haben. Hat dein Verhalten vielleicht eine unerwünschte Reaktion hervorgerufen? Welche Dynamiken sind entstanden? Wenn du erkennst, welche Muster sich wiederholen, kannst du in zukünftigen Situationen bewusst gegensteuern und neue, konstruktivere Wege der Kommunikation wählen.

Nr. 4: Setze den Kiesler-Kreis in deiner Profession und deinem Beruf ein

In vielen Berufen spielt zwischenmenschliche Kommunikation eine entscheidende Rolle – sei es im Lehrberuf, in der Beratung, im Gesundheitswesen oder im Management. Beobachte, welche Muster sich in deinem beruflichen Umfeld zeigen. Gibt es Kolleg:innen oder Vorgesetzte, mit denen immer wieder ähnliche Missverständnisse oder Spannungen auftreten? Sind die Beziehungen im Team von Kooperation oder von Spannungen geprägt? Durch eine bewusste Reflexion dieser Dynamiken kannst du dein eigenes Verhalten gezielt anpassen und gleichzeitig dazu beitragen, dass sich die Zusammenarbeit verbessert.

Nr. 5: Nutze den Kiesler-Kreis auch im privaten Kontext – als Mutter, Vater oder in deiner Partnerschaft

Kommunikation spielt nicht nur im Beruf eine Rolle, sondern auch in Familie und Partnerschaft. Gerade in engen Beziehungen kann es vorkommen, dass man immer wieder in die gleichen Muster verfällt. Welche Positionen nimmst du in der Erziehung deiner Kinder ein? Wechselst du zwischen freundlicher Nähe und Dominanz, oder fühlst du dich manchmal hilflos in Konflikten? Auch in der Partnerschaft können sich über die Zeit festgefahrene Kommunikationsdynamiken entwickeln. Der Kiesler-Kreis hilft dir dabei, diese Muster zu erkennen und zu reflektieren, sodass du bewusster auf dein Gegenüber eingehen kannst. Britta Hahn hat die acht Positionen des Kiesler-Kreises in ihrem Buch „Mama, beruhige dich“ wunderbar auf den privaten Kontext transferiert.

Nr. 6: Konflikte mit Hilfe des Kiesler-Kreises analysieren

Konflikte entstehen oft, weil zwei oder mehr Personen in festgelegten Mustern aufeinander reagieren, ohne dies bewusst wahrzunehmen. Der Kiesler-Kreis kann dir helfen, solche Muster in Konflikten zu entschlüsseln. Wo befinden sich die Konfliktparteien auf dem Kreis? Befindet sich eine Person in einer dominant-feindseligen Position, während die andere sich unterwürfig-feindselig verhält? Verstärken sich negative Reaktionsweisen gegenseitig? Indem du diese Mechanismen erkennst, kannst du gezielt Veränderungen herbeiführen und zu einer Deeskalation beitragen.

Nr. 7: Als Mediator:in Kommunikationsdynamiken erkennen und verdeutlichen

Mediationen sind besonders effektiv, wenn Mediator:innen die zugrunde liegenden Kommunikationsmuster sichtbar machen können. Der Kiesler-Kreis ist ein hervorragendes Instrument, um die Dynamik in einem Konflikt zu analysieren. Du kannst den Mediand:innen zeigen, welche Positionen sie einnehmen und wie sich ihr Verhalten gegenseitig beeinflusst. Dadurch wird ihnen bewusst, dass ihr Gegenüber nicht „einfach schwierig“ ist, sondern dass sich beide in einem Muster befinden, das sich gegenseitig verstärkt. Indem du den Mediand:innen Wege aufzeigst, um ihre Kommunikationsweise zu verändern, können sie neue Strategien entwickeln, um den Konflikt zu lösen.

Durch die bewusste Anwendung dieser Strategien, inspiriert vom Kiesler-Kreis, kannst du deine Kommunikationsfähigkeiten verbessern und harmonischere sowie effektivere Beziehungen gestalten.​ Bereits in einem früheren Blogartikel habe ich darauf hingewiesen, dass Sprache in der Mediation eine ganz wichtige Rolle spielt und quasi die Methode ist, die von Anfang bis Ende in der Mediation genutzt wird, lies gerne nach …

Fazit

Der Kiesler-Kreis bietet ein wertvolles Modell, um die Komplexität zwischenmenschlicher Kommunikation zu verstehen. Durch die Identifikation und Reflexion eigener Verhaltensmuster entlang der Achsen von Kontrolle und Zugehörigkeit können Individuen ihre Interaktionen bewusster gestalten. Dieses Verständnis fördert nicht nur die persönliche Entwicklung, sondern verbessert auch die Qualität von Beziehungen in verschiedenen Lebensbereichen.​

✨✨✨Alles Gute für die Anwendung des Kiesler-Kreises in deiner Kommunikation und in Konflikten,
wünscht dir Christa ✨✨✨

Literaturhinweise

Anne Guhn; Stephan Köhler und Eva-Lotta Brakemeier: Kiesler-Kreis-Training. Manual zur Behandlung interpersoneller Probleme. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz 2019.

Britta Hahn; Susanne Meiners: Mama, beruhige dich! Wie Eltern ihre Gefühle regulieren und in guter Beziehung zu ihrem Kind bleiben. Junfermann 2021.

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Ein Kommentar

  1. Wie hilfreich der Kiesler-Kreis für das Verständnis zwischenmenschlicher Kommunikation sein kann. Besonders wichtig ist die Erkenntnis, dass das eigene Verhalten Einfluss auf die Reaktionen anderer Menschen hat. Wer seine Verhaltensmuster kennt und reflektiert, kann Konflikte besser lösen und Beziehungen bewusster gestalten. Meiner Meinung nach ist der Kiesler-Kreis daher ein nützliches Modell, das sowohl im privaten als auch im beruflichen Alltag zu einer respektvolleren und erfolgreicheren Kommunikation beitragen kann.

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