Die Konflikte von Schulbegleiter:innen

Kinder im Schulgebäude, auf dem Boden sitzend und lesend

„Die Konflikte von Schulbegleiter:innen“
ist ein Gastartikel von Katja Efinger
(Heilpädagogin und Ausbilderin für Schulbegleiter:innen)

Ein Schulbegleiter oder eine Schulbegleiterin ist eine Person, die ein Kind oder einen Jugendlichen mit besonderem Unterstützungsbedarf im schulischen Alltag individuell begleitet und unterstützt. Ziel ist es, dem Kind die Teilhabe am Unterricht und am Schulleben zu ermöglichen – im Sinne von Inklusion und Chancengleichheit.

Neulich stand in einem pädagogischen Forum, dass sich die Tätigkeit einer Schulbegleitung so anfühlt, als wäre man die Stiefmutter, die nichts zu sagen hat und es auch nicht darf. Ist das wirklich so? Oder ist das lediglich ein Einzelfall?

Da ich (Katja Efinger) seit vielen Jahren Schulbegleiter:innen bei diversen Bildungsträgern ausbilde, kann ich berichten, dass dies leider kein Einzelfall ist. Hinter den engagierten Einsätzen der Schulbegleiter:innen gibt es auch Herausforderungen, die es im Schulalltag zu meistern gilt. In diesem Blogartikel sollen die vielfältigen Herausforderungen bezüglich der Zusammenarbeit mit Lehrkräften, Eltern und Bezugskind aufgezeigt werden. Bildlich gesprochen: Das Schulmeer ist manchmal stürmisch. In diesem Blogartikel soll aufgezeigt werden, wie mit diesen lebhaften Wellen gut umgegangen werden kannst.

Inhalt

Rolle einer Schulbegleitung

Schulbegleiter:innen sind bei der Umsetzung der Inklusion ein unverzichtbarer Part. Sie sind nicht nur die stillen Begleiter im Hintergrund, sie nehmen auch noch mehr Rollen ein: Motivator, Unterstützer, Brückenbauer, Teamplayer sowie Inklusionist. Ihre Aufgaben sind im Schulalltag vielfältig. Das Hauptziel eines Schulbegleiters ist es, ein Kind mit Beeinträchtigung so zu fördern, dass es irgendwann wieder allein in die Schule gehen kann.

Aufgaben von Schulbegleiter:innen

  • Unterstützung im Unterricht (z.B. Checkliste schreiben, Organisation)
  • Förderung der Konzentration und Motivation
  • Unterstützung bei Gruppenarbeiten und soziale Anbahnung
  • Unterstützung bei Pausen und Freizeitaktivitäten (Ausflüge etc.)
  • Begleitung bei Raumwechseln
  • Hilfe bei pflegerischen Aufgaben (z.B. An- und Ausziehen, Toilettengang)
  • Vermittlung zwischen Kind, Lehrkräften und Mitschülern
  • Zusammenarbeit mit Eltern und anderen Fachkräften (z.B. Schulsozialarbeiter)

Für viele Lehrkräfte sind die Schulbegleiter mittlerweile eine wichtige Ressource geworden. Das Deutsche Schulportal schreibt: „Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter gehören inzwischen zum Alltag an vielen inklusiven Schulen. Für viele Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf wäre ein Schulbesuch ohne Schulbegleitung gar nicht möglich.“

Wissenschaftliche Studien belegen nicht nur den Erfolg der Schulbegleiter, sondern betonen auch, dass die Anzahl der Schulbegleiterinnen in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen ist. In einigen Bundesländern hat sie sich sogar mehr als verdoppelt.

THESE: Konflikte sind oft Herausforderungen bei der Umsetzung der Inklusion

Lies dazu auch den Blogartikel „Mediation und Inklusion“ in diesem blog …

Konflikte mit Lehrkräften

Unterschiedliche oder hohe Erwartungen:

In der Zusammenarbeit mit Lehrkräften kommt es auf Grund von unterschiedlichen Erwartungen zu Konflikten. Diese beruhen oft auf einem unterschiedlichen Rollenverständnis. Neulich berichtete mir eine Schulbegleiterin, dass die Lehrkraft von ihr erwarte, dass sie die anderen Kinder ebenfalls im Unterricht aktiv unterstützen soll. Sie war jedoch laut ihrem Träger (Arbeitgeber) lediglich für ein Kind eingesetzt (1:1 Begleitung).

Da an vielen Schulen Fachkräfte fehlen, werden manche Schulbegleiter:innen oft mit hohen Erwartungen konfrontiert, die über das hinausgehen, was Schulbegleiter tatsächlich leisten sollen und können. Schulbegleiter sind keine (sonderpädagogischen) Ersatzlehrer.

Es ist wichtig, die Aufgaben eines Schulbegleiters und dessen Verantwortlichkeiten klar sowie transparent zu kommunizieren, um Missverständnisse zu vermeiden. Hier empfehle ich ein Kennenlerngespräch bereits vor dem ersten Einsatztag mit der Klassenlehrkraft. Eine klare Tätigkeitsbeschreibung vor Ort ist hilfreich, um Unsicherheiten zu vermeiden.

Folgende Fragen können hierbei helfen:

  • Welche Erwartungen hat die Lehrkraft an den Schulbegleiter?
  • Welche Aufgaben soll die Schulbegleitung konkret übernehmen?
  • Wie stellen sich Lehrkraft und Schulbegleitung die Zusammenarbeit vor?

Akzeptanz und Sensibilisierung: 

Nicht alle Lehrkräfte sind gleichermaßen für das Thema Inklusion sowie für den Einsatz eines Schulbegleiters offen. Manche Lehrkräfte fühlen sich von den Schulbegleiter:innen beobachtet oder sie entwickeln Neidgefühle ihnen gegenüber.

Inklusives Arbeiten an Schulen ist dann erfolgreich, wenn Schulen sich bewusst mit den Themen Personal- und Teamentwicklung auseinandersetzen und ein verbindliches Leitkonzept bezüglich der Zusammenarbeit entwickeln. So ein Konzept kann dazu beitragen, dass Vorurteile gegenüber Schulbegleitern abgebaut werden und die Zusammenarbeit im Interesse des Begleitkindes gestärkt wird.

Ich möchte Schulbegleiter ermutigen, eigene Ideen und Vorschläge einzubringen. So erkennen die Lehrkräfte, dass Schulbegleiter:innen eine unterstützende sowie aktive Rolle einnehmen können.

Wenn du Lehrkraft bist, überlege Dir, wo kannst du im Schulalltag Zeitfenster schaffen, in denen Schulbegleiter ihre Ideen konkret umsetzen könnten.

Grenzen der Inklusion: Schulbegleiter arbeiten nicht immer, wie sie es möchten.

Schulbegleiter:innen engagieren sich in der Regel sehr für die Förderung ihres Begleitkindes und machen sich Gedanken, wie sie es in ihrem Rahmen fördern können. Dabei stoßen sie jedoch manchmal auf Widerstände seitens der Lehrkräfte, die sich nicht offen für die vorgeschlagenen Förderansätze oder Ideen zeigen. Schulbegleiter:innen berichten, dass sie ein Hierarchiegefälle erleben. Das Motto vieler Lehrkräfte: Ich lasse mir doch nichts von einer Schulbegleiterin sagen!

Ich empfehle bei der Ansprache von Konflikten: Verwende sachbezogene Formulierungen.

Statt zu sagen „Sie akzeptieren mich überhaupt nicht“, könnte besser formuliert werden: „Ich habe den Eindruck, dass meine Vorschläge nicht die gewünschte Akzeptanz finden. Können wir darüber sprechen, wie wir besser zusammenarbeiten können?“ Schuldzuweisungen sollten zudem zwingend vermieden werden.

Konflikte mit dem Bezugskind

In der Sekundasrstufe I machen manche Schulbegleiter:innen die Erfahrung, dass sie sich anstrengen und dennoch ihre Einfälle vom Bezugskind boykottiert werden. Während der Pubertät sind manche Jugendliche nicht begeistert davon, dass sie begleitet werden. Ferner streben die Jugendlichen entwicklungsbedingt nach Unabhängigkeit und wollen ihre eigenen Entscheidungen treffen. So werden z.B. Checklisten, die Schulbegleiter vorbereitet haben, abgelehnt.

Schulbegleiter:innen müssen daher in dieser Entwicklungsphase einen Balanceakt vollziehen: Unterstützung versus Freiraum.

Bedürfnis nach exklusiver Zuwendung und Sicherheit

Manche Begleitkinder binden sich aber auch zu fest an ihre Schulbegleiter:in. Sie fühlen sich möglicherweise vernachlässigt, wenn die Schulbegleitung ihre Aufmerksamkeit auf andere Kinder richtet, was Eifersucht auslöst. Eine Schulbegleiterin berichtete mir, dass ihr Begleitkind eifersüchtig wurde, wenn sie sich mal dem Sitznachbern zuwandt. Das Bezugskind sagte ihr dann deutlich: „Du bist nur für mich da!“

Achte deshalb auf das Nähe-Distanz-Verhältnis. Sei nicht zu nah am Kind. Auf eine Balance zwischen Nähe und Distanz wird Wert gelegt: Bleib in angemessenem Abstand zum Kind.

Ich habe drei Reflexionsfragen zur Überprüfung der Beziehung konzipiert:

  • Was bedeutet für mich konkret Nähe? Was bedeutet für mich konkret Distanz?
  • In welchen konkreten Situationen ist es mir wichtig, Nähe zuzulassen und wo nicht?
  • Woran erkenne ich, dass das Bezugskind sich zu sehr an mich bindet?

Wenn das Kind dich als Sicherheitsanker zwingend benötigt, beobachte, wo kann das Kind wirklich allein arbeiten. Bestärke es dabei positiv. Löse dich schrittweise.

Das Bezugskind akzeptiert keine Grenzen

Ich habe von einem Fall gehört, in dem die Schulbegleiterin von ihrem Bezugskind geschlagen wurde. Als die Schulbegleiterin mit der Hand das Stopp-Zeichen machte, um eine Grenze aufzuzeigen, schlug das Kind die Schulbegleiterin auf die Hand.

Hier gilt es Grenzen aufzeigen: Erkläre dem Kind im ruhigen Ton, dass sein Verhalten nicht akzeptabel ist. Verwende auch die Spiegeltechnik: „Wie würdest du dich fühlen, wenn ich dir auf die Hand schlagen würde.“ Zeige dem Kind auch Alternativen auf: „Wenn du dich ärgerst, kannst du mir auch sagen, was dich stört, anstatt mich zu schlagen.“

Konflikte mit Eltern

Einige Schulbegleiter stoßen auch bei manchen Eltern auf Widerstand. Hier ein Fallbeispiel, bei dem es divergierende Interessen gibt. Die Schulbegleiterin begleitet ein Kind mit Autismus (ASS). Das Kind zeigt in vielen Situationen aggressives Verhalten wie Schlagen, Treten, Zwicken, Spucken und verbale Ausfälle. Aufgrund dieser Verhaltensweisen wird die Überlegung geäußert, dass das Kind an einer Förderschule besser gefördert werden kann. Die Mutter weigert sich, Lehrkräfte und Schulbegleiterin befürworten es.

Von einer Therapeutin habe ich folgende Praxistipp erhalten: In dieser Situation sollte „Klartext“ gesprochen werden: „Wir haben uns ausfolgenden Gründen für folgende Dinge (x, y, z) entschieden und das sind unsere Konsequenzen, wenn keine Besserung eintrifft …“

Fazit: Gemeinsam für eine inklusive Zukunft

Schulbegleiter:innen spielen bei der Umsetzung der Inklusion an Schulen eine bedeutende Rolle. Ihre Arbeit ist herausfordernd, aber unendlich wertvoll. Es braucht noch mehr Sensibilisierung und Aufklärung für das Tätigkeitsfeld Schulbegleitung. Mein Wunsch: Jeder Schulbegleiter und jede Schulbegleiterin soll sich unterstützt und wertgeschätzt fühlen. Die Herausforderungen sind noch groß, doch die Chancen sind noch größer. Innovative Ansätze, Fortbildungen und eine stärkere Wertschätzung können den Stand der Schulbegleitung stärken. Die Schulmediation kann unterstützen, die Rolle der Schulbegleiter:innen zu festigen.

Das wäre wünschenswert:

Qualifizierung: Mehr Investition in die Weiterbildung von Schulbegleitung ist sinnvoll. Jeder Schulbegleiter sollte z.B. die Chance für die Aufbaukurse bekommen.

Teamarbeit stärken: Interdisziplinäre Zusammenarbeit sollte an Schulen noch besser gefördert werden. Schulbegleiter:innen sollten noch besser in das Schulteam integriert werden.

Politisches Engagement: Die Politik sollte der Schulbegleitung bessere Rahmenbedingungen bieten. Der Wert der Schulbegleiter kann nicht nur durch öffentliche Kampagnen sichtbarer gemacht werden, sondern es sollten verbindliche Standards für die Schulbegleiterkurse entwickelt werden.

Zum Abschluss habe ich drei Fragen an Schulbegleiter:innen, um Barrieren im Schulalltag abbauen zu können:

  • Was bedeutet eigentlich Inklusion für mich als Schulbegleiter:in?
  • Was kann ich bei Herausforderungen konkret tun? Wie gehe ich vor?
  • Wie kann ich den Inklusionsprozess an meiner Schule vorantreiben? Was wäre der erste Schritt?

Schulbegleiter sind mehr als nur die stumme Stiefmutter! Sie sind in meinen Augen die (Co)-Kapitäne.

Danke an Katja Efinger für Ihre Informationen zur Schulbegleitung. 💚🍀

Und zur Info: Für all diejenigen, die sich für das Thema Schulbegleitung interessieren, habe ich eine gute Nachricht. Katja Efinger hat seit 5 Jahre ihren YouTube Kanal: „Katja Efinger gemeinsam inklusiv“. Dort gibt es Interviews mit vielen Fachexpert:innen – auch mit mir. Diese Interviews sind voller inklusiver Gedanken und Ansätze.

Mit mir hat Katja bereits über zwei Themen gesprochen:

Was tun bei Mobbing in der Schule?

Schulbegleiter:innen als Deeskalationsprofis

Und wichtig: Zum 5-jährigen Jubiläum ihres Youtube Kanals gibt es bald auch das erste Buch von Katja Efinger.
Titel: So klappt’s mit Schulbegleitung & Klassenassistenz!
Untertitel: Basiswissen • Handwerkszeug • Fallbeispiele

Ich freue mich auf das Buch, liebe Katja, und danke dir recht herzlich für diesen Gastartikel auf meinem Blog. 🙏🏼

Hier schreibt:

Aktuelles:

Mein neuer Mini-Kurs ist da🎉
Check & Erfolg: Der Konflikt-Tango💃 Konfliktgespräche gut führen

Folge mir auf:

Mein neustes Produkt für dich:

Bald beginnt die Ausbildung zur Schulmediation. Kursstart in diesem Jahr: 30.03.2023

Hier geht es zur Anmeldung:

Schulmediationsausbildung

 

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