Noch vor den Sommerferien 2026 gibt es gerade drei starke Studien, die zeigen, wie es geade um die Schule in Berlin udn Deutschland bestellt ist. Schule unter Druck: Was Studien zeigen. Der Bildungsbericht 2026 schaut auf Deutschland insgesamt. Das Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung nimmt die Perspektive der Lehrkräfte in den Blick. Und das Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer zeigt sehr konkret, was an Schulen in Berlin im Bereich Konflikte, Gewalt, Mobbing und Diskriminierung sichtbar wird.
Ich möchte diese drei aktuellen Befunde in diesem Blogartikel zusammenbringen. Nicht, weil ich Schule dramatisieren möchte. Und auch nicht, weil Zahlen allein erklären könnten, was täglich in Klassenzimmern, auf Schulhöfen, in Teamzimmern oder Elternabenden geschieht. Schule ist immer mehr als Statistik. Schule ist Beziehung, Alltag, Anstrengung, Freude, Überforderung, Begegnung, Entwicklung, Streit und manchmal auch Eskalation.
Aber solche Studien sind wichtig. Sie helfen uns, genauer hinzuschauen. Sie zeigen, was einzelne Lehrkräfte, Schüler:innen, Eltern, Sozialpädagog:innen oder Schulleitungen längst spüren, aber oft nur im eigenen Umfeld wahrnehmen. Wenn viele Schulen ähnliche Erfahrungen machen, dann geht es nicht mehr nur um einzelne schwierige Klassen, einzelne belastete Kollegien oder einzelne herausfordernde Schüler. Dann geht es um Entwicklungen, die Schule als Ganzes betreffen.
Und genau deshalb lohnt sich der gemeinsame Blick. Der Bildungsbericht 2026 zeigt, dass Bildungschancen in Deutschland weiterhin stark mit sozialer Herkunft verbunden sind. Das Schulbarometer zeigt, wie sehr Lehrkräfte das Verhalten von Schüler inzwischen als Belastung erleben. Und das Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer macht sichtbar, dass Konflikte, Gewalt, Mobbing und Diskriminierung an Schulen keine Randthemen sind.
Für mich gehören diese drei Befunde zusammen. Sie erzählen keine drei getrennten Geschichten, sondern eine gemeinsame: Schule steht unter Druck – fachlich, sozial, emotional und gesellschaftlich. Gleichzeitig zeigt sich darin auch, wie wichtig Schule ist. Denn wenn Schule unter Druck steht, dann steht nicht irgendeine Institution unter Druck. Dann steht ein zentraler Ort unseres Zusammenlebens unter Druck.
Schule ist längst nicht mehr nur der Ort, an dem Lesen, Schreiben, Rechnen, Fremdsprachen oder Naturwissenschaften vermittelt werden. Schule ist ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche Zugehörigkeit erleben sollen. Ein Ort, an dem sie lernen, mit Unterschieden umzugehen. An dem Konflikte sichtbar werden. Und an dem Demokratie nicht nur erklärt, sondern im besten Fall eingeübt wird. Ein Ort, an dem gesellschaftliche Ungleichheit nicht verschwindet, sondern häufig besonders deutlich hervortritt.
Darum geht es in diesem Artikel: Was zeigen die aktuellen Befunde? Was bedeuten sie für Schule? Und was folgt daraus – persönlich, pädagogisch und gesellschaftlich?
Inhalt
Bildungsbericht 2026: Bildungschancen bleiben ungleich verteilt
Der nationale Bildungsbericht 2026 trägt den Titel „Bildung in Deutschland 2026“ und ist ein indikatorengestützter Bericht zur Entwicklung des deutschen Bildungssystems. Sein besonderer Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft.
Das klingt zunächst sehr sachlich. Dahinter steckt aber eine der zentralen Fragen unseres Bildungssystems: Welche Chancen haben Kinder und Jugendliche – und wovon hängen diese Chancen ab?
Der Bericht zeigt deutlich: Bildungserfolg ist in Deutschland weiterhin eng mit der sozialen Herkunft verbunden. Das bedeutet nicht, dass einzelne Kinder ihren Weg nicht gehen können. Natürlich gibt es Aufstiegsgeschichten, engagierte Familien, starke Lehrkräfte, unterstützende Schulen und Kinder, die trotz schwieriger Startbedingungen Beeindruckendes schaffen. Aber als gesellschaftliches Muster bleibt bestehen: Herkunft beeinflusst Bildungswege, Bildungserfolg und Zukunftschancen.
Das ist kein neues Problem. Aber es ist ein Problem, das sich hartnäckig hält. Und genau deshalb ist es so bedeutsam, dass der Bildungsbericht 2026 diesen Schwerpunkt setzt.
Besonders wichtig finde ich: Bildungsungleichheiten beginnen nicht erst mit der Einschulung. Sie zeigen sich bereits sehr früh. Der Bericht verweist darauf, dass sich schon im Alter von zwei Jahren deutliche soziale Unterschiede zeigen können, etwa beim Wortschatz von Kindern. Das ist pädagogisch hochrelevant. Denn Sprache ist nicht einfach ein Fach. Sprache ist Zugang. Zugang zu Beziehung, zu Lernen, zu Selbstwirksamkeit, zu Konfliktklärung, zu Beteiligung und später auch zu Bildungserfolg.
Wenn Kinder mit sehr unterschiedlichen sprachlichen, sozialen und emotionalen Voraussetzungen in die Schule kommen, dann trifft Schule nicht auf gleiche Startbedingungen. Und trotzdem wird oft so getan, als müssten alle Kinder nur zur gleichen Zeit das Gleiche leisten. Genau hier beginnt eine Spannung, die viele Schulen täglich erleben.
Der Bildungsbericht 2026 macht außerdem deutlich, dass die Stärkung grundlegender Kompetenzen eine zentrale Aufgabe bleibt. Besonders im Bereich Mathematik sowie bei computer- und informationsbezogenen Kompetenzen werden rückläufige Entwicklungen beschrieben. Auch das ist mehr als ein Leistungsproblem. Grundkompetenzen entscheiden darüber, ob Kinder und Jugendliche an Bildung, Ausbildung, Beruf und Gesellschaft teilhaben können.
Wer Texte nicht sicher versteht, hat es schwerer, sich Wissen anzueignen. Wenn mathematische Grundlagen nicht beherrsch werden, stoßen Schüler:innen an vielen Stellen an Grenzen. Und wer digitale Informationen nicht einordnen kann, ist anfälliger für Desinformation, Manipulation und Ausgrenzung. Basiskompetenzen sind darum nicht „nur“ schulische Kompetenzen. Sie sind Teilhabekompetenzen.
Gleichzeitig zeigt der Bildungsbericht, dass sich das Bildungssystem in einer Phase tiefgreifender Veränderungen befindet. Sinkende Geburtenzahlen, Fachkräftemangel, veränderte Zuwanderungsbewegungen, Integration, Digitalisierung und der Ausbau von Ganztag verändern die Anforderungen an Kita, Schule, Ausbildung und Weiterbildung. Diese Entwicklungen betreffen nicht nur einzelne Bereiche. Sie hängen miteinander zusammen.
Das ist ein wichtiger Punkt: Wenn frühe Bildung nicht ausreichend gelingt, wirkt sich das später auf Schule aus. Wenn Schule grundlegende Kompetenzen nicht gut absichern kann, zeigt sich das später in Ausbildung, Studium, Beruf und gesellschaftlicher Teilhabe. Wenn Übergänge nicht gut begleitet werden, verlieren Kinder und Jugendliche unterwegs Chancen. Bildung ist eine Kette – und an manchen Stellen ist diese Kette für manche Kinder deutlich brüchiger als für andere.
Für Schulen bedeutet das: Sie sind mit den Folgen sozialer Ungleichheit täglich konfrontiert, können diese aber nicht allein lösen. Das ist mir wichtig. Es wäre zu einfach zu sagen: Schule muss eben besser fördern, besser integrieren, besser auffangen, besser differenzieren, besser kommunizieren und besser begleiten. Ja, Schule hat eine große Verantwortung. Aber Schule kann nicht allein ausgleichen, was gesellschaftlich ungleich verteilt ist.
Und trotzdem ist Schule einer der wichtigsten Orte, an denen etwas möglich ist. Gerade deshalb brauchen Schulen verlässliche Unterstützung: gute frühe Bildung, Sprachförderung, multiprofessionelle Teams, Schulsozialarbeit, Ganztagsangebote, kleinere Lerngruppen, Zeit für Beziehung, gute Übergänge, Zusammenarbeit mit Eltern und klare Konzepte für Beteiligung und Konfliktbearbeitung.
Denn Bildungsungleichheit ist nicht nur eine Frage von Noten, Abschlüssen oder Kompetenzerhebungen. Bildungsungleichheit ist auch eine Frage von Anerkennung, Zugehörigkeit und Zukunftsvertrauen.
Wenn Kinder und Jugendliche erleben, dass sie nicht mitkommen, nicht gesehen werden, nicht dazugehören oder ohnehin keine Chance haben, dann bleibt das nicht folgenlos. Es kann zu Rückzug führen, zu Frust, zu Widerstand, zu Konflikten oder zu innerer Kündigung. Manchmal zeigt sich Bildungsungleichheit leise. Manchmal zeigt sie sich laut.
Genau hier beginnt die Verbindung zu den beiden anderen Studien, die ich in diesem Artikel noch aufgreifen werde: zum Deutschen Schulbarometer und zum Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer. Denn wenn Lehrkräfte zunehmend belastet sind und Konflikte an Schulen häufiger oder schneller eskalieren, dann sollten wir das nicht getrennt von Bildungsungleichheit betrachten.
Schule ist ein Lernort. Aber sie ist eben auch ein sozialer Ort. Und wenn Kinder und Jugendliche sehr unterschiedliche Voraussetzungen, Belastungen und Erfahrungen mitbringen, dann braucht Schule mehr als Unterricht. Schule braucht Beziehung, Prävention und Konfliktkompetenz. Und sie braucht gesellschaftliche Rückendeckung.
Infos zum Bildungsbericht 2026
Der Bildungsbericht 2026 ist der elfte nationale Bildungsbericht und beschreibt das Bildungssystem von der frühen Bildung bis zur Weiterbildung; der Schwerpunkt liegt auf Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft. Die KMK fasst zentrale Befunde so zusammen: soziale Herkunft beeinflusst weiterhin Bildungserfolg und Bildungsteilhabe, Unterschiede entstehen häufig bereits vor Schuleintritt, und die Stärkung von Basiskompetenzen bleibt eine zentrale Aufgabe.
Deutsches Schulbarometer 2026: Wenn Verhalten zur größten Belastung wird
Nach dem Bildungsbericht 2026 lohnt sich der Blick auf das Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung. Während der Bildungsbericht das Bildungssystem in seiner ganzen Breite betrachtet, schaut das Schulbarometer stärker auf diejenigen, die Schule jeden Tag gestalten: die Lehrkräfte.
Und hier wird ein Punkt besonders deutlich: Viele Lehrkräfte erleben das Verhalten von Schüler:innen inzwischen als ihre größte berufliche Belastung.
Laut Deutschem Schulbarometer 2026 sagen 46 Prozent der befragten Lehrkräfte, dass der Umgang mit dem Verhalten von Schüler:innen für sie die größte Herausforderung im Berufsalltag ist. Dieser Wert ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. 2024 lag er noch bei 35 Prozent, 2025 bei 42 Prozent. Das ist mehr als eine kleine Verschiebung. Es zeigt eine Entwicklung, die viele Menschen in Schulen wahrscheinlich aus ihrem Alltag kennen.
Wichtig ist mir dabei: Diese Zahl sollte nicht dazu genutzt werden, Kinder und Jugendliche pauschal als „schwierig“ abzustempeln. Das wäre zu kurz gegriffen – und auch pädagogisch gefährlich. Verhalten ist nie einfach nur Verhalten. Verhalten erzählt etwas. Es kann Ausdruck von Überforderung sein, von fehlender Selbstregulation, von Unsicherheit, von Frust, von mangelnder Zugehörigkeit, von psychischer Belastung oder auch von nicht eingeübten sozialen Fähigkeiten.
Wenn Lehrkräfte sagen, dass sie vor allem das Verhalten von Schüler belastet, dann geht es also nicht nur um Störungen im Unterricht. Es geht um die Frage, wie gut es Kindern und Jugendlichen gelingt, sich in Gruppen einzufügen, Rücksicht zu nehmen, Frustration auszuhalten, Konflikte zu klären, sich zu motivieren, sich zu konzentrieren und mit anderen in Beziehung zu bleiben.
Genau hier wird Schule als sozialer Ort sichtbar. Lehrkräfte unterrichten nicht nur. Sie beruhigen, klären, motivieren, trösten, strukturieren, setzen Grenzen, vermitteln, fangen auf und versuchen, trotz allem eine Lernatmosphäre herzustellen. Das ist eine enorme Aufgabe. Und sie wird noch größer, wenn Lerngruppen sehr heterogen sind, wenn psychische Belastungen zunehmen, wenn Kinder und Jugendliche mit Krisen, familiären Belastungen oder digitalen Konflikten in die Schule kommen.
Das Schulbarometer zeigt außerdem, dass viele Lehrkräfte mehr Unterstützung brauchen. Besonders deutlich wird das beim Thema überfachliche Kompetenzen. Dazu gehören soziale Fähigkeiten wie Empathie und Teamfähigkeit, personale Fähigkeiten wie Selbstständigkeit und Frustrationstoleranz, aber auch kritisches Denken, Kreativität, Demokratieverständnis und Toleranz.
Gerade diese Kompetenzen sind für Schule heute zentral. Denn sie entscheiden mit darüber, ob Lernen überhaupt gelingen kann. Ein Kind, das keine Frustration aushält, kommt beim Lernen schnell an Grenzen. Eine Klasse, die nicht miteinander umgehen kann, verliert viel Zeit in Konflikten. Jugendliche, die andere abwerten oder ausgrenzen, gefährden nicht nur das Klassenklima, sondern auch das Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit.
Bemerkenswert ist: Viele Lehrkräfte wollen genau in diesem Bereich stärker werden. Das Schulbarometer zeigt, dass ein großer Teil der Befragten ihre Fähigkeit zur Förderung überfachlicher Kompetenzen weiterentwickeln möchte. Gleichzeitig fühlen sich viele durch Studium und Referendariat auf diese Aufgabe nicht ausreichend vorbereitet.
Das ist ein wichtiger Befund. Denn er zeigt: Es reicht nicht, von Lehrkräften immer mehr zu erwarten. Sie brauchen auch die passenden Werkzeuge, Räume und Unterstützungsstrukturen. Wer jeden Tag mit herausforderndem Verhalten, Konflikten, Heterogenität und psychischer Belastung arbeitet, braucht mehr als guten Willen. Es braucht Fortbildung, Supervision, kollegiale Beratung, Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und multiprofessionelle Teams.
Auch Demokratiebildung spielt im Schulbarometer 2026 eine Rolle. Fast jede zweite Lehrkraft ist der Ansicht, dass an ihrer Schule mehr für Demokratiebildung getan werden sollte. Zugleich zeigt sich eine Unsicherheit im Umgang mit politischen Themen. Einige Lehrkräfte fühlen sich durch ein vermeintliches Neutralitätsgebot gehemmt oder sind unsicher, wie klar sie im Unterricht Haltung zeigen dürfen.
Auch das gehört für mich in diesen Zusammenhang. Denn Demokratiebildung ist nicht nur ein Thema für Projekttage oder den Politikunterricht. Demokratie zeigt sich im Alltag: Wie sprechen wir miteinander? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Meinungen um? Und wie werden Konflikte geklärt und Minderheiten geschützt? Wie erleben Schüler Beteiligung, Respekt und Verantwortung?
Wenn Verhalten zur größten Belastung wird, dann ist das nicht nur ein Unterrichtsproblem. Es ist ein Beziehungsthema, ein Präventionsthema, ein Demokratiethema und auch ein Schulentwicklungsthema.
Für mich ist deshalb die wichtigste Botschaft aus dem Schulbarometer 2026: Lehrkräfte brauchen Entlastung – aber nicht nur organisatorisch. Sie brauchen Unterstützung in der sozialen und emotionalen Arbeit mit Schüler:innen. Denn genau dort entscheidet sich oft, ob Schule als Lernort überhaupt tragen kann.
Das bedeutet nicht, dass Schule zur Therapieeinrichtung werden soll. Und es bedeutet auch nicht, dass Unterricht unwichtig wird. Im Gegenteil. Guter Unterricht braucht gute Beziehungen, klare Strukturen und ein Mindestmaß an emotionaler Sicherheit. Lernen gelingt dort besser, wo Kinder und Jugendliche sich gesehen fühlen, wo Konflikte bearbeitet werden und wo Erwachsene nicht dauerhaft am Rand ihrer Kräfte arbeiten.
Das Schulbarometer zeigt damit sehr deutlich: Schule braucht mehr als Fachunterricht. Schule braucht Beziehungskompetenz, Konfliktkompetenz und Unterstützungssysteme, die im Alltag wirklich ankommen.
Infos zum Deutschen Schulbarometer
Die wichtigsten Zahlen und Befunde in diesem Kapitel stammen aus dem Deutschen Schulbarometer 2026: 46 Prozent der Lehrkräfte nennen den Umgang mit dem Verhalten von Schüler:innen als größte berufliche Belastung; 2025 waren es 42 Prozent, 2024 noch 35 Prozent. Für die Befragung wurden 1.547 Lehrkräfte inklusive Schulleitungen an allgemein- und berufsbildenden Schulen befragt.
Ebenfalls wichtig: Die Robert Bosch Stiftung beschreibt das Deutsche Schulbarometer Lehrkräfte als jährlich stattfindende repräsentative Erhebung; 2026 standen unter anderem berufliche Herausforderungen, Demokratiebildung, KI, Heterogenität und überfachliche Kompetenzen im Fokus.
Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer: Wenn Konflikte schneller eskalieren
Nach dem Bildungsbericht 2026 und dem Deutschen Schulbarometer lohnt sich der Blick nach Berlin. Denn mit dem Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer 2026 liegt erstmals eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung eines Bundeslandes zu Konflikten, Gewalt, Diskriminierung und Konformitätsdruck an Schulen vor.
Das ist bemerkenswert. Nicht, weil Berlin nun plötzlich als einziger Ort mit schwierigen Schulrealitäten dasteht. Sondern weil Berlin genauer hinschaut. Und genau dieses Hinschauen ist wichtig. Denn über Gewalt, Mobbing, Bedrohung, Diskriminierung und Eskalation in Schulen wird seit Jahren gesprochen. Häufig anhand einzelner Vorfälle. Meist sehr emotional. Und immer wieder mit schnellen Schuldzuweisungen. Was bislang fehlte, war eine breitere Datengrundlage.
Das Konflikt- und Gewaltbarometer versucht, genau diese Grundlage zu schaffen. Befragt wurden mehr als 14.000 Schüler:innen sowie über 2.500 Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeitende. Damit kommen beide Perspektiven in den Blick: die der jungen Menschen, die Schule täglich erleben, und die der Erwachsenen, die Schule gestalten, begleiten und oft auch auffangen müssen.
Die Ergebnisse sind deutlich. Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeitenden bewertet Gewalt und Konflikte an der eigenen Schule als großes oder sehr großes Problem. Fast zwei Drittel berichten von einer Zunahme der Gewalt seit der Corona-Pandemie. Und besonders alarmierend ist ein weiterer Befund: Sehr viele Lehrkräfte nehmen wahr, dass Konflikte schneller eskalieren als noch vor wenigen Jahren.
Das ist ein Satz, der hängen bleibt: Konflikte eskalieren schneller.
Denn Konflikte gehören zu Schule. Überall dort, wo Menschen zusammenkommen, gibt es unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse, Meinungen, Grenzen und Verletzungen. Kinder und Jugendliche müssen den Umgang damit erst lernen. Streit ist nicht automatisch ein Problem. Im Gegenteil: Gut begleitete Konflikte können wichtige Lerngelegenheiten sein.
Problematisch wird es, wenn Konflikte nicht mehr bearbeitet werden, sondern kippen. Wenn aus einer Meinungsverschiedenheit eine Beleidigung wird. Wenn aus Ärger Demütigung wird. Und wenn aus Gruppendynamik Mobbing wird. Wenn aus Unsicherheit Abwertung wird. Oder aus digitalen Nachrichten öffentliche Bloßstellung wird. Wenn aus einem kleinen Anlass eine massive Eskalation entsteht.
Genau hier setzt für mich die Bedeutung dieser Berliner Untersuchung an. Sie zeigt nicht nur, dass es Gewalt gibt. Sie zeigt auch, dass sich die Qualität von Konflikten verändert. Der digitale Raum spielt dabei eine besondere Rolle. Konflikte enden nicht mehr am Schultor. Sie laufen in Klassenchats weiter, werden mit Fotos, Kommentaren, Sprachnachrichten und Screenshots verschärft und am nächsten Morgen wieder mit in die Schule gebracht.
Das bedeutet: Schule hat heute nicht nur mit Konflikten zu tun, die im Klassenraum entstehen. Schule hat auch mit Konflikten zu tun, die nachts auf dem Smartphone weitergehen. Das verändert Dynamiken. Es erhöht den Druck. Und es macht es für Lehrkräfte, Schulsozialarbeit und Schulleitungen oft schwerer, rechtzeitig einzugreifen.
Auffällig ist auch, dass die Berliner Studie nicht nur körperliche Gewalt in den Blick nimmt. Das ist wichtig, weil Gewalt in Schule häufig dort beginnt, wo sie noch nicht als „richtige Gewalt“ wahrgenommen wird: bei Beleidigungen, Beschämungen, Lächerlichmachen, Ausgrenzung, Bedrohung, sozialem Druck oder diskriminierenden Bemerkungen.
Gerade diese Formen werden im Alltag manchmal verharmlost. „War doch nur Spaß.“ „Die sollen sich nicht so anstellen.“ „Das sagen die Jugendlichen halt so.“ Aber genau solche Sätze sind gefährlich. Denn sie verschieben Grenzen. Sie machen Verletzungen unsichtbar. Und sie verhindern, dass Erwachsene frühzeitig eingreifen.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, den ich sehr ernst nehme: Konformitätsdruck. Die Berliner Untersuchung spricht ausdrücklich von religiösem und sozialem Konformitätsdruck, den viele Schüler an ihren Schulen wahrnehmen. Das bedeutet: Es geht nicht nur um offene Gewalt. Es geht auch um subtile oder weniger subtile Erwartungen, wie jemand zu sein hat, was jemand sagen darf, wie jemand sich kleiden soll, welcher Gruppe jemand zugehört oder welche Haltung akzeptiert wird.
Für Schule ist das ein zentrales Thema. Denn Schule muss ein Ort sein, an dem junge Menschen verschieden sein dürfen. Unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Lebensweisen, unterschiedliche Meinungen, unterschiedliche Familiengeschichten, unterschiedliche Religionen oder keine Religion, unterschiedliche Geschlechterrollen, unterschiedliche Sprachen und unterschiedliche Erfahrungen gehören zu Schule. Vielfalt ist aber nicht automatisch friedlich. Sie braucht einen Rahmen, Schutz und Gespräche. Und sie braucht klare Grenzen dort, wo Menschen abgewertet, bedroht oder ausgeschlossen werden.
Besonders aufmerksam macht die Studie außerdem auf Entwicklungen an Grundschulen. Das ist aus pädagogischer Sicht enorm wichtig. Denn wenn Eskalationen, geringe Frustrationstoleranz oder Gewalt bereits bei jüngeren Kindern sichtbar werden, dann darf Prävention nicht erst in der Sekundarstufe beginnen. Konfliktfähigkeit, Gefühlskompetenz, Selbstregulation, Empathie und ein respektvoller Umgang miteinander müssen früh eingeübt werden.
Das passt sehr deutlich zu meiner Erfahrung in der Schulmediation: Wir dürfen nicht warten, bis Konflikte groß sind. Wir müssen früher ansetzen. Kinder brauchen Worte für Gefühle. Schüler:innen brauchen Möglichkeiten, Ärger auszudrücken, ohne andere zu verletzen. Erwachsene werden benötigt, die zuhören und zugleich Grenzen setzen. Es braucht Rituale, Strukturen und Modelle, mit denen Streit besprechbar wird.
Für mich ist das Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer deshalb kein Grund zur Resignation. Es ist ein Grund, Prävention ernster zu nehmen. Nicht als hübsches Zusatzprojekt, wenn gerade Zeit ist. Sondern als festen Bestandteil von Schulentwicklung.
Schulen brauchen klare Schutzkonzepte. Sie brauchen Anti-Mobbing-Arbeit, sie brauchen Klassenrat, Schulmediation, Schulsozialarbeit, Schülermediator:innen, gut ausgebildete Erwachsene, klare Regeln und eine Kultur des Hinschauens. Und sie brauchen Räume, in denen Schüler über Konflikte sprechen können, bevor diese eskalieren. Und sie brauchen Erwachsene, die nicht nur reagieren müssen, wenn etwas passiert ist, sondern Zeit haben, Beziehungen aufzubauen.
Wichtig ist mir dabei: Prävention bedeutet nicht, dass alles freundlich weichgespült wird. Im Gegenteil. Gute Prävention verbindet Beziehung und Grenze. Sie nimmt Kinder und Jugendliche ernst, ohne jedes Verhalten zu entschuldigen. Natürlich fragt sie nach Ursachen, aber sie benennt auch Verantwortung. Und sie stärkt Beteiligung, aber sie schützt zugleich diejenigen, die verletzt, bedroht oder ausgegrenzt werden.
Die Berliner Studie spricht selbst von einem Dreiklang aus Prävention, Intervention und Repression. Das finde ich sinnvoll, wenn dieser Dreiklang gut verstanden wird. Prävention heißt: Gewalt möglichst gar nicht erst entstehen lassen. Intervention heißt: frühzeitig und wirksam eingreifen, wenn Konflikte kippen. Repression heißt: klare Konsequenzen, wenn Grenzen überschritten werden.
Aus mediativer Sicht möchte ich ergänzen: Es braucht es eine starke konstruktive Konfliktkultur. Denn Schulen stehen nicht nur vor der Aufgabe, Gewalt zu verhindern. Sie stehen auch vor der Aufgabe, Kindern und Jugendlichen beizubringen, wie Konflikte anders ausgetragen werden können.
Berlin ist in diesem Zusammenhang nicht nur ein Sonderfall. Berlin ist auch ein Brennglas. Hier werden Entwicklungen sichtbar, die viele Schulen in Deutschland kennen: soziale Ungleichheit, Heterogenität, digitale Konflikte, Erschöpfung, Sprachprobleme, Diskriminierung, Gruppendruck und ein wachsender Bedarf an Orientierung und Sicherheit.
Gerade deshalb ist es gut, dass Berlin hinschaut. Denn nur was sichtbar wird, kann bearbeitet werden. Wegsehen macht Schule nicht friedlicher. Verharmlosen macht Kinder nicht sicherer. Und reine Empörung verändert noch keinen Schulalltag.
Was Schulen brauchen, ist ein nüchterner, klarer und zugleich menschlicher Blick. Gewalt und Mobbing dürfen nicht normalisiert werden. Konflikte dürfen aber auch nicht nur als Störung gelten. Sie sind Hinweise. Sie zeigen, wo Beziehungen belastet sind, wo Strukturen fehlen, wo Kinder Unterstützung brauchen und wo Erwachsene nicht allein gelassen werden dürfen.
Das Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer zeigt damit sehr deutlich: Schule braucht nicht nur Wissen über Gewalt. Schule braucht handlungsfähige Erwachsene, starke Prävention und eine Konfliktkultur, die im Alltag trägt.
Infos zum Konflikt- und Gewaltbarometer Berlin 2026
Die wichtigsten Fakten dazu: Berlin stellte das Konflikt- und Gewaltbarometer am 22. Juni 2026 vor und bezeichnet es als erste umfassende wissenschaftliche Untersuchung eines Bundeslandes zu Konflikten, Gewalt, Diskriminierung und Konformitätsdruck an Schulen. Die Studie basiert auf Angaben von mehr als 14.000 Schüler:innen sowie über 2.500 Lehrkräften und pädagogischen Mitarbeitenden. Mehr als die Hälfte der pädagogischen Fachkräfte bewertet Gewalt und Konflikte an der eigenen Schule als großes oder sehr großes Problem; fast zwei Drittel berichten von einer Zunahme der Gewalt seit Corona.
Mein Resümée: Nicht alarmieren, aber endlich handeln
Diese drei Studien sollten uns nicht lähmen. Sie sollten uns wach machen. Der Bildungsbericht zeigt, wie stark Bildungschancen weiterhin von Herkunft geprägt sind. Das Schulbarometer zeigt, wie sehr Lehrkräfte im Alltag belastet sind. Und das Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer zeigt, dass Konflikte, Gewalt und Mobbing nicht nebenbei bearbeitet werden können.
Für mich folgt daraus: Schule braucht nicht noch mehr Erwartungen, sondern mehr Unterstützung. Mehr Beziehung. Mehr Prävention und Konfliktkompetenz. Und eine Gesellschaft, die versteht, dass Schule nicht allein reparieren kann, was an vielen anderen Stellen aus dem Gleichgewicht geraten ist.
💚 Ich setze mich mit der Schulmediation, mit der Demokratiepädagogik, meinen Übungen zum WIR-Gefühl, zu den Ideenbüros und vielen anderen Projekten für mehr Soziale Kompetenz in Schule ein. Bist du dabei?
💚 fragt Dr. Christa D. Schäfer


