Warum ich MHFA Ersthelferin bin

Christa Schäfer mit MHFA Zertifikat

Meine Empfehlung ist klar: MHFA sollte dort selbstverständlich sein, wo Menschen professionell begleitet werden – in der Mediation ebenso wie in der Pädagogik. Wer Konflikte, Belastungen und Krisen früh erkennt, kann sicherer handeln, angemessen unterstützen und rechtzeitig weitere Hilfe ermöglichen.“ Dr. Christa Schäfer

Inhalt

Ein aufgeschürftes Knie, eine Schnittwunde, Bauchschmerzen, Kreislaufprobleme. Bei körperlichen Beschwerden haben wir meist eine Idee, was zu tun ist. In Schulen hängen Erste-Hilfe-Pläne aus, Verbandskästen stehen bereit, die Telefonnummer für Notfälle liegt im Sekretariat. Doch was ist, wenn ein Kind, eine jugendliche oder erwachsene Person nicht körperlich, sondern psychisch in Not gerät? Wenn jemand sich immer stärker zurückzieht, plötzlich panisch reagiert, völlig erschöpft wirkt oder Sätze sagt, bei denen wir spüren: Hier geht es gerade um mehr als einen schlechten Tag. Dann sind viele von uns deutlich unsicherer.

Genau hier setzt Mental Health First Aid, kurz MHFA, an. Die Ersthelfer:innen für die psychische Gesundheit können genau in solchen Fälle Erste Hilfe leisten, wenn die Psyche in Not gerät.

Was sage ich zu einem Menschen, der plötzlich eine Panikattacke bekommt? Wie spreche ich jemanden an, bei dem ich seit einiger Zeit eine deutliche Veränderung wahrnehme? Was mache ich, wenn mir ein Jugendlicher erzählt, dass es ihm psychisch sehr schlecht geht? Und woran erkenne ich überhaupt, dass hinter einem auffälligen Verhalten möglicherweise mehr steckt als schlechte Laune, Rückzug oder ein Konflikt?

Weil ich dieses Thema so wichtig finde, habe ich sowohl die Ausbildung zur MHFA Ersthelferin als auch zur MHFA Ersthelferin Youth absolviert. Und je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto stärker wurde bei mir ein Gedanke: Dieses Wissen brauchen wir viel häufiger. In Schulen sowieso. Aber auch in der Mediation.

Was ist MHFA?

Mental Health First Aid lässt sich mit „Erste Hilfe für psychische Gesundheit“ übersetzen. Die Grundidee ist erstaunlich einfach: Was bei körperlichen Notfällen längst selbstverständlich ist, sollte es auch bei psychischen Gesundheitsproblemen und Krisen geben.

Dabei sollen die Ersthelfenden lernen, psychische Gesundheitsprobleme wahrzunehmen, Warnzeichen zu erkennen, Betroffene angemessen anzusprechen, in einer akuten Situation erste Unterstützung zu leisten und gegebenenfalls den Weg zu professioneller Hilfe zu erleichtern.

Eine Idee aus Australien, die um die Welt geht

Mental Health First Aid ist keine neue Modeerscheinung. Das Programm entstand bereits im Jahr 2000 in Australien. Entwickelt wurde es von Betty Kitchener, einer Gesundheitspädagogin und Krankenschwester mit eigener Erfahrung einer psychischen Erkrankung, und Professor Tony Jorm, einem Wissenschaftler im Bereich psychischer Gesundheit. Ihre Idee war, ein Angebot zu schaffen, das ähnlich funktioniert wie ein klassischer Erste-Hilfe-Kurs, nur eben für psychische Gesundheitsprobleme.

Aus dieser zunächst kleinen Idee ist inzwischen eine internationale Bewegung geworden. MHFA wird heute in zahlreichen Ländern eingesetzt; weltweit wurden bereits mehr als acht Millionen Menschen geschult. In Deutschland gibt es MHFA Ersthelfer seit 2020 unter der Trägerschaft des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. In der Zwischenzeit sind 69.979 Erhelfende deutschlandweit ausgebildet worden. Und dennoch ist das Programm meiner Ansicht nach immer noch zu unbekannt, obwohl das Programm wissenschaftlich ausgerichtet ist und fortlaufend evaluiert und weiterentwickelt wird.

💚 Ich möchte gerne unterstützen, damit MHFA auch in Schule und Mediation mehr bekannt wird.

Was verstehen wir unter einer psychischen Störung?

Wenn wir über psychische Gesundheit sprechen, begegnen uns schnell Begriffe wie „verrückt“, „irre“ oder „nicht normal“. Solche Zuschreibungen sind nicht nur ungenau, sondern können Menschen stigmatisieren und dazu beitragen, dass sie aus Angst oder Scham keine Hilfe suchen. Eine psychische Störung ist etwas anderes als ein schlechter Tag, eine vorübergehende Krise oder eine heftige emotionale Reaktion auf ein belastendes Ereignis.

Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt eine psychische Störung als eine klinisch bedeutsame Beeinträchtigung des Denkens, der Emotionsregulation oder des Verhaltens. Sie ist in der Regel mit deutlichem Leidensdruck oder Beeinträchtigungen in wichtigen Lebensbereichen verbunden. Das kann sich beispielsweise darauf auswirken, wie ein Mensch seinen Alltag bewältigt, Beziehungen gestaltet, lernt oder arbeitet. Je nach Störungsbild spielen außerdem Dauer, Häufigkeit und Intensität der Symptome eine Rolle.

Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen einer psychischen Auffälligkeit und einer diagnostizierten psychischen Störung. Eine Auffälligkeit bedeutet zunächst, dass bestimmte Symptome oder Verhaltensweisen über standardisierte Fragebögen sichtbar werden. Sie kann ein Warnsignal sein und sollte ernst genommen werden, ist aber noch keine Diagnose. Genau diese Unterscheidung ist auch für MHFA Ersthelfende wichtig: Wir sollen aufmerksam werden, hinschauen und ansprechen – aber nicht diagnostizieren.

Psychische Störungen bei Erwachsenen, Kindern & Jugendlichen

Erwachsene

Cirka 30 % der Erwachenen leiden innerhalb eines Jahres an einer psychischen Störung, unglaublich, oder?!

Mit dieser Zahl wird deutlich, wie groß die Bedeutung psychischer Gesundheit ist: Mehr als jeder vierte Erwachsene in Deutschland erfüllt innerhalb eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung – das sind knapp 18 Millionen Menschen beziehungsweise fast 28 Prozent. Zu den häufigsten Erkrankungen gehören Angststörungen, Depressionen sowie Störungen im Zusammenhang mit Alkohol- oder Medikamentenkonsum.

Fast 30 Prozent innerhalb nur eines Jahres – ich finde diese Zahl immer wieder erstaunlich. Sie macht deutlich: Psychische Erkrankungen sind kein seltenes Ausnahmephänomen. Wir begegnen betroffenen Menschen überall – im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in der Mediation und natürlich auch in pädagogischen Einrichtungen. 😢

Kinder und Jugendliche

Und auch bei Kindern und Jugendlichen lohnt sich ein genauer Blick. Hier ist ebenfalls wichtig, zwischen psychischen Auffälligkeiten und diagnostizierten psychischen Störungen zu unterscheiden.

Wie wichtig dieses Hinschauen gerade bei Kindern und Jugendlichen ist, zeigen die Daten eindrücklich.

Alarmierend waren vor einigen Jahren die Studien zur Auswirkung von Covid auf Kinder und Jugendliche. Und auch danach blieben die Zahlen hoch und alarmierend. Franziska Reiß und Kolleg:innen untersuchten beispielsweise die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen und berichteten 2023 darüber, dass 23 Prozent der 7- bis 17-Jährigen Hinweise auf psychische Auffälligkeiten zeigen. Rund 25 Prozent zeigten Angstsymptome, 14 Prozent depressive Symptome. Dabei handelt es sich ausdrücklich um Symptome und Auffälligkeiten, nicht um entsprechend viele diagnostizierte Erkrankungen.

Und das Thema hat sich keineswegs erledigt. Die inzwischen neueren COPSY-Daten bis Herbst 2024 zeigen weiterhin bei 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychische Auffälligkeiten und bei 23 Prozent Angstsymptome. Damit liegen diese Werte nach wie vor über dem Niveau vor der Pandemie.

Gerade das Jugendalter ist zudem eine wichtige Phase für die psychische Gesundheit. Depressionen, Angst- und Verhaltensstörungen gehören international zu den häufigsten gesundheitlichen Belastungen dieser Altersgruppe; auch erste psychotische Störungen können im späteren Jugendalter sichtbar werden. Für mich ist das ein weiterer Grund, warum Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, nicht zu Diagnostiker:innen werden müssen – aber wissen sollten, wann es Zeit ist, genauer hinzuschauen und Unterstützung anzubieten.

Zu denken ist in Verbindung mit der Adoleszenz ebenfalls an Substanzmissbrauch, an Alkohol, Cannabis und anderes. Sowie natürlich auch an die große Zahl der Essstörungen gerade bei weiblichen Jugendlichen.

Was lernt man als MHFA Ersthelfer:in?

Ein wichtiger Teil der Ausbildung besteht zunächst darin, mehr über psychische Gesundheitsprobleme und psychische Krisen zu erfahren. Denn wir können leichter wahrnehmen und einordnen, wofür wir ein gewisses Grundwissen besitzen.

Darum gibt es im Kurs Input zu den Themen „Psychische Gesundheitsprobleme allgemein“, gefolgt von speziellen Störungsbildern wie Depression, Angststörung, Essstörung, Psychosen und Substanzkonsumprobleme.

Natürlich hatte ich bereits ein gut sortiertes Grundwissen, denn seit meiner Promotion befasse ich mich immer wieder ganz intensiv mit diesen Themen, und doch konnte ich dieses Wissen durch die Kurse nochmals auf ein neues Level heben.

Im Kurs geht es neben dem Grundlagenwissen vor allem auch um Kommunikation und das Handeln: Wie beginne ich ein Gespräch? Wie höre ich zu? Wie verhalte ich mich in einer Krise? Und wie kann ich jemanden ermutigen, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen? Und welche weiteren Ressourcen können hilfreich sein? Diese Handlungskompetenz wird nicht nur theoretisch vermittelt, sondern anhand von Situationen, Übungen und Rollenspielen trainiert. Für mich war genau das wichtig.

MHFA Youth: Wenn Jugendliche Unterstützung brauchen

Zusätzlich zur MHFA Ersthelferin habe ich die Ausbildung zur MHFA Ersthelferin Youth absolviert.

Jugendliche befinden sich in einer Lebensphase, in der unglaublich viel gleichzeitig passiert. Der Körper verändert sich, die eigene Identität entwickelt sich weiter, Beziehungen zu Eltern, Freund:innen und Gleichaltrigen verändern sich, Zugehörigkeit wird wichtiger und zugleich wächst der Wunsch nach Selbstständigkeit. Jugendliche bewältigen also körperliche, psychische und soziale Entwicklungsaufgaben – und das oft zur gleichen Zeit.

Psychische Belastungen oder Störungen können genau diese Entwicklung deutlich beeinflussen. Sie können sich auf die körperliche Entwicklung und Gesundheit auswirken, auf das Selbstbild, die emotionale Entwicklung und die Fähigkeit, mit Belastungen umzugehen. Ebenso können Freundschaften, Familie, Schule und andere soziale Beziehungen betroffen sein. Gerade weil in dieser Lebensphase ohnehin so vieles im Umbruch ist, ist es manchmal gar nicht so leicht zu erkennen, wann eine Veränderung noch zur normalen Entwicklung gehört und wann ein junger Mensch tatsächlich Unterstützung braucht.

Und genau hier liegt für mich eine besondere Stärke von MHFA Youth: genauer hinzuschauen, ohne vorschnell zu bewerten oder zu diagnostizieren.

Manches Verhalten lässt sich bei Jugendlichen schnell erklären: „Pubertät eben.“ „Der zieht sich gerade zurück.“ „Sie ist momentan schwierig.“ „Der hat einfach keine Lust auf Schule.“ Manchmal stimmt das vielleicht sogar. Manchmal steckt aber mehr dahinter.

Wenn ein Jugendlicher sich über längere Zeit stark zurückzieht, plötzlich deutlich anders reagiert, häufig fehlt, kaum noch Freude zeigt, ständig erschöpft wirkt oder sich sein Verhalten auffällig verändert, sollten Erwachsene aufmerksam werden. Nicht mit dem Anspruch, selbst herauszufinden, welche Diagnose dahinterstehen könnte. Sondern mit der Bereitschaft zu fragen: Wie geht es dir eigentlich wirklich?

Für mich ist genau das der Kern von MHFA Youth: Jugendliche in einer ohnehin herausfordernden Entwicklungsphase nicht allein zu lassen, Veränderungen ernst zu nehmen und frühzeitig Unterstützung anzubieten. Denn je früher wir wahrnehmen, dass ein junger Mensch Hilfe braucht, desto eher können wir dazu beitragen, dass er diese Hilfe auch bekommt.

Warum ich die MHFA-Ausbildungen gemacht habe

Ich arbeite seit vielen Jahren mit Konflikten – als Mediatorin, Ausbilderin, Coach und in der Schulentwicklung. Dabei begegnen mir Menschen oft nicht gerade in ihren entspanntesten Momenten. Sie sind wütend, verletzt, erschöpft, verzweifelt oder haben schon lange versucht, irgendwie mit einer schwierigen Situation zurechtzukommen.

Und immer wieder habe ich erlebt: Ein Konflikt kommt selten allein.

Da sitzt vielleicht eine Lehrkraft vor mir, die über einen Konflikt im Kollegium spricht – und im Laufe des Gesprächs wird deutlich, wie erschöpft sie inzwischen ist und wie sich eine Depression in Ihre Gedanken hineingefressen hat.

Ein Jugendlicher sitzt mir gegenüber, reagiert auffällig aggressiv, und hinter dem Verhalten steckt möglicherweise weit mehr als der Streit, der gerade sichtbar geworden ist. Da wird Substanzmissbrauch deutlich, verbunden mit einer Angststörung, die den Jugendlichen panisch werden lässt.

Oder ein Mensch zieht sich in einem Gespräch immer weiter zurück und ich frage mich: Ist das noch die Reaktion auf diesen Konflikt – oder geht es ihm grundsätzlich gerade sehr schlecht?

Natürlich bedeutet nicht jede starke Emotion gleich eine psychische Krise. Menschen dürfen traurig, wütend, überfordert oder ratlos sein. Das gehört zum Leben und erst recht zu Konflikten dazu. Ich möchte auch nicht anfangen, jedes Verhalten psychologisch zu deuten oder hinter jeder schwierigen Situation eine Erkrankung zu vermuten.

Aber ich wollte sicherer darin werden, genauer hinzuschauen.

Was kann ein Warnzeichen sein? Wann sollte ich nachfragen? Wie spreche ich eine Person an, wenn ich mir Sorgen mache? Was tue ich, wenn jemand von großer Hoffnungslosigkeit berichtet? Und vor allem: Wo endet meine Rolle als Mediatorin und wo braucht es andere, professionelle Unterstützung?

Die MHFA-Ausbildungen sind für mich eine wichtige Ergänzung zu Mediation und Pädagogik. Sie haben meinen Blick noch einmal geschärft.

Konflikt oder Krise? MHFA und Mediation gehören zusammen

Ich erinnere mich an eine Situation aus einer Paarmediation, die mir bis heute sehr präsent ist. Mitten im Gespräch stand der Mann plötzlich auf. „Das lasse ich mir nicht bieten“, sagte er zu seiner Ex-Partnerin, sprach laut und aufgebracht weiter und wollte aus dem Raum stürmen. Ich bin ihm hinterhergegangen.

Kürzlich habe ich diese Situation in einer Mediationsausbildung erzählt und die Teilnehmenden gefragt: Was würdet ihr in diesem Moment tun? Die Antworten gingen erstaunlich weit auseinander. Einige sagten: nichts. Der Mann sei erwachsen und für sich selbst verantwortlich. Andere wollten ihm lediglich mitteilen, dass die Mediation beendet sei, wenn er jetzt gehe. Einzelne überlegten sogar, ihn festzuhalten.

Für mich war die Situation damals anders. Ich habe in diesem Moment nicht einfach einen Medianden gesehen, der eine Mediation abbricht. Ich habe einen Menschen erlebt, der sich in einer akuten Krise befand. Warum diese Situation bei ihm eine so heftige Reaktion ausgelöst hatte, wusste ich nicht. Und ich musste es in diesem Moment auch nicht wissen. Ich musste weder eine Diagnose stellen noch seine Reaktion psychologisch erklären können.

Aber ich wollte ihn auch nicht mit dem Hinweis auf seine Eigenverantwortung einfach gehen lassen.

Deshalb bin ich ihm gefolgt und habe versucht, den Kontakt zu halten. Nicht, um ihn zum Weiterführen der Mediation zu bewegen. Nicht, um ihn festzuhalten oder ihm seine Entscheidung abzunehmen. Sondern um zunächst wahrzunehmen:

Wie geht es diesem Menschen gerade?
Ist er ansprechbar?
Ist er sicher?
Braucht er Unterstützung?

Genau an solchen Situationen wird für mich deutlich, warum MHFA und Mediation zusammengehören. Als Mediator:innen lernen wir viel darüber, Konflikte zu verstehen, Eskalationen zu erkennen und Gespräche zu führen. Doch manchmal kippt eine Situation. Dann steht nicht mehr die Bearbeitung des Konflikts an erster Stelle, sondern der Mensch, der gerade nicht mehr in der Lage ist, das Mediationsgespräch wie bisher fortzuführen.

MHFA hilft mir dabei, genauer zu unterscheiden: Habe ich es gerade mit einer schwierigen Konfliktsituation zu tun – oder braucht dieser Mensch im Moment etwas anderes?

Dabei bedeutet psychische Erste Hilfe nicht, die Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen. Und sie bedeutet schon gar nicht, jemanden gegen seinen Willen festzuhalten. Sie bedeutet für mich vielmehr, aufmerksam zu bleiben, anzusprechen, zuzuhören, die Situation einzuschätzen und gegebenenfalls weitere Hilfe zu ermöglichen.

Gerade deshalb greift für mich der Satz „Er ist doch eigenverantwortlich“ in solchen Momenten zu kurz. Eigenverantwortung und Fürsorge schließen sich nicht aus. Ich kann die Selbstbestimmung eines Menschen respektieren und trotzdem hinschauen, wenn ich den Eindruck habe, dass er sich gerade in einer Krise befindet.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Ergänzungen, die MHFA der Mediation geben kann: Nicht jede Eskalation braucht noch mehr Mediation. Manchmal braucht der Mensch zunächst Erste Hilfe.

Meine Empfehlung: MHFA für Mediator:innen

Mediator:innen arbeiten oft mit Menschen in emotional belastenden Situationen. Deshalb halte ich MHFA für eine sehr sinnvolle Ergänzung der Mediationsausbildung.

MHFA hilft dabei,

  • psychische Krisen und Warnzeichen besser wahrzunehmen,
  • zwischen Konflikt und Krise genauer zu unterscheiden,
  • auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben,
  • Betroffene angemessen anzusprechen und zu unterstützen,
  • die eigenen fachlichen Grenzen klarer zu erkennen,
  • und bei Bedarf den Weg zu professioneller Hilfe zu erleichtern.

Meine Empfehlung: MHFA gehört für mich in den professionellen Werkzeugkoffer von Mediator:innen.

MHFA in der Schule? Jaaaa, unbedingt!

In vielen Schulen ist die Schulsozialarbeit längst sehr gut darin, psychische Belastungen wahrzunehmen, Gespräche zu führen und passende Hilfen anzubahnen. Das ist wertvoll – und trotzdem reicht es aus meiner Sicht nicht, wenn dieses Wissen nur bei ein oder zwei spezialisierten Personen liegt.

Denn die Schülerin, die ihr Essverhalten immer stärker kontrolliert, fällt vielleicht zuerst der Klassenleitung auf. Der Jugendliche, der sich plötzlich vollständig zurückzieht, sitzt jeden Morgen im Unterricht. Eine beunruhigende Äußerung zur eigenen Lebensmüdigkeit fällt womöglich auf dem Flur, bei einer Klassenfahrt oder in einem Gespräch mit einer Erzieherin. Und manchmal ist es die Schulleitung, bei der Eltern oder Kolleg:innen mit ihrer Sorge landen.

Genau deshalb wünsche ich mir MHFA-Kompetenz breiter in Schule verankert: nicht als Ersatz für Schulsozialarbeit, Schulpsychologie oder therapeutische Angebote, sondern als gemeinsames Grundwissen im Kollegium. Lehrkräfte, Erzieher:innen und Schulleitungen müssen keine Diagnosen stellen. Aber sie sollten Warnzeichen ernst nehmen, wissen, wie sie ein Gespräch beginnen, wie sie in einer akuten Krise reagieren und an wen sie weitervermitteln können.

Meine Empfehlung ist deshalb: An jeder Schule sollten mehrere Personen aus unterschiedlichen Professionen als MHFA Ersthelfer:innen qualifiziert sein. So entsteht kein „Spezialwissen in einer Ecke“, sondern eine Schule, in der mehr Menschen wissen, wann Hinschauen, Ansprechen und Weiterhelfen notwendig ist.

Psychische Erste Hilfe sollte selbstverständlich werden

„Psychische Erste Hilfe sollte so selbstverständlich werden wie körperliche Erste Hilfe: hinschauen, ansprechen, unterstützen, und wissen, wann professionelle Hilfe gebraucht wird.“ Dr. Christa D. Schäfer

✨✨✨
Kennst du jemanden, die oder der MHFA Ersthelfende:r ist?
Oder bist du selber vielleicht MHFA Ersthelfende:r?
✨✨✨

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6 Kommentare

  1. Hallo Christa,

    Während meiner letzten Tätigkeit im Bereich Arbeitsintegration und Coaching habe ich zusätzlich eine Ausbildung in Mental Health First Aid (MHFA) absolviert.

    Ich bin der Meinung, dass MHFA ähnlich wie die klassische Erste Hilfe verstanden werden kann – jedoch für psychische Krisen und belastende Situationen. Sie kann dabei helfen, betroffene Personen frühzeitig zu unterstützen, ihnen zuzuhören und ihnen gegebenenfalls den Zugang zu professioneller Hilfe zu erleichtern.

    Psychische Gesundheit ist ein wichtiger Bestandteil des allgemeinen Wohlbefindens. Deshalb finde ich es wichtig, das Bewusstsein für mentale Gesundheit zu stärken und Menschen im Umgang mit psychischen Belastungen besser zu unterstützen.

    Liebe Grüße
    Masoumeh

    1. Hallo Masoumeh, da haben wir tatsächlich einen sehr ähnlichen Weg genommen. Auch für mich war die MHFA-Ausbildung eine wichtige Ergänzung zu meiner bisherigen Arbeit mit Menschen in belastenden Situationen. Gerade die Parallele zur klassischen Ersten Hilfe finde ich so treffend: Wir behandeln natürlich nicht selbst, aber wir können hinschauen, zuhören, Sicherheit geben und dabei helfen, den nächsten passenden Schritt zu finden.

      Ich finde es schön, dass wir beide aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern zu einer ganz ähnlichen Einschätzung kommen: Psychische Gesundheit gehört viel stärker in unser professionelles Handeln hinein, im Coaching ebenso wie in der Mediation und Pädagogik.

      Super, dass MHFA immer mehr bekannt wird 🌷
      und dass du bereits MHFA-Ersthelferin bist 🌷
      sagt Christa

  2. Liebe Christa, wie schön, dass Du das Thema MHFA in deinem Blog aufgreifst! Ein so wichtiges Thema. Auch ich bin MHFA Ersthelferin. Im Coaching und in der Mediation kann es schon mal zu kleineren Krisen kommen. Ich kam dann konkret dazu, da ich beim Bundesverband Mediation die Konflikthotline unterstütze. Während der Ausbildung habe ich schnell gemerkt: Das ist wirklich etwas für alle und stimme Dir voll zu: MHFA in der Schule? Jaaaa, unbedingt! Danke, dass Du diesen Gedanken in die Welt trägst. VG Ulla

    1. Hallo Ulla, vielen Dank für deinen Kommentar! Wie schön, dass du ebenfalls MHFA Ersthelferin bist. Und dann noch mit diesem ganz konkreten Bezug zur Konflikthotline des Bundesverbands Mediation. Genau in diesem Spannungsfeld zeigt sich für mich, wie nah Konflikte, Belastungen und manchmal eben auch psychische Krisen beieinanderliegen können.

      Außerdem finde ich es spannend, dass wir aus unterschiedlichen Arbeitszusammenhängen zu einer so ähnlichen Einschätzung kommen: MHFA ist keine Spezialkompetenz für wenige, sondern ein Wissen, das viel breiter vorhanden sein sollte. Und bei Schule sind wir uns ja ganz offensichtlich total einig: Jaaaa, unbedingt! 😊

      Viele Grüße von Christa 🌷

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