Wenn in der Mediation jemand lügt

Zwei Straßenschilder, auf denen Lie und Truth steht

In der Mediation gilt der Ansatz, dass jede:r Mediand:in seine individuelle Sicht der Dinge präsentiert. Unterschiedliche Darstellungen bedeuten nicht zwangsläufig, dass in der Mediation jemand lügt, sondern bestätigen vielmehr die subjektiven Wahrnehmungen und die Vielfalt der möglichen Interpretationen einer Situation.

In diesem Blogartikel widme ich mich jedoch explizit dem Thema der absichtlichen Lüge – dem bewussten Erzählen von Unwahrheiten. Es ist wichtig, dieses Phänomen anzusprechen und zu verstehen, da es in Mediationsprozessen vorkommen kann und besondere Herausforderungen mit sich bringt. Wie gehen wir als Mediator:innen damit um, wenn wir mit bewussten Unwahrheiten konfrontiert werden? Welche Strategien haben sich bewährt, um das Vertrauen zu erhalten und den Mediationsprozess trotz solcher Schwierigkeiten fortzusetzen? Bleib dran, um mehr zu erfahren.

Inhalt

Haltung einer Mediator:in

Ein:e Mediator:in befindet sich in einer allparteilichen Haltung den Medianden gegenüber. Sie oder er nimmt eine Position des Respekts gegenüber allen Streitparteien ein. Die Grundannahme in der Mediation ist, dass die beteiligten Personen in der Regel an einer Lösung ihres Konflikts interessiert und bereit sind, an dessen Bewältigung konstruktiv mitzuwirken. Es kann zwar vorkommen, dass in der Mediation jemand lügt oder die Halbwahrheit sagt, doch häufig resultieren dies aus Ängsten, Unsicherheiten oder dem Bedürfnis nach Selbstschutz in einer als bedrohlich wahrgenommenen Situation.

Als Mediator:in ist es wichtig zu verstehen, dass das Lügen oftmals ein Zeichen tiefer liegender Emotionen und Bedürfnisse ist. Die Aufgabe besteht deshalb darin, eine sichere und vertrauensvolle Umgebung zu schaffen, in der Offenheit gefördert wird und erlebt werden kann. Hilfreich ist auch, die Aufmerksamkeit der Beteiligten auf ihre individuellen Gefühle, Bedürfnisse und Interessen zu lenken und sie zu ermutigen, ihre Sichtweisen und Erlebnisse auf eine ehrliche und respektvolle Weise zu teilen.

So kann es gelingen, ein tieferes Verständnis füreinander zu schaffen.

Rolle einer Mediator:in

Die Rolle eines Mediators oder einer Mediatorin besteht darin, den Prozess der Konfliktlösung zu erleichtern, und nicht den „Wahrheitssucher“ zu spielen. Das bedeutet, es ist nicht Aufgabe der Mediation, die „Wahrheit“ zu ermitteln oder eine Partei auf eine mögliche „Lüge“ hinzuweisen. Im Vordergrund steht immer das gemeinsame Finden von Lösungen und Vereinbarungen, die für beide Seiten akzeptabel sind. Allerdings kannst du als Mediator:in folgende Schritte unternehmen, wenn du bemerkst, dass eine Partei möglicherweise nicht die Wahrheit sagt:

  1. Allparteilich bleiben: Deine Rolle ist es, ein neutraler Vermittler zu sein. Du solltest keine Partei ergreifen oder Urteile fällen, selbst wenn du glaubst, dass eine Person nicht ehrlich ist.
  2. Den Fokus auf Gefühle und Interessen lenken: Wenn du bemerkst, dass eine Person vielleicht nicht die Wahrheit sagt, kannst du die Aufmerksamkeit auf die Gefühle und Interessen der Parteien lenken. Frage die Beteiligten nach ihren Ängsten, Hoffnungen und Bedürfnissen.
  3. Transparent kommunizieren: Mache klar, dass es im Mediationsprozess darum geht, eine Lösung zu finden, die auf Ehrlichkeit und Offenheit beruht. Du kannst daran erinnern, dass es wichtig ist, offen und ehrlich zu sein, um eine erfolgreiche Lösung zu erreichen.
  4. Gesprächstechniken nutzen: Wenn du den Eindruck hast, dass jemand nicht die Wahrheit sagt, kannst du offene und reflektierende Fragen stellen, um mehr Klarheit zu bekommen. Vermeide es, die Person direkt zu beschuldigen, sondern versuche, das Gespräch auf eine Weise zu führen, die mehr Transparenz ermöglicht.

Es ist wichtig zu beachten, dass der Mediationsprozess weiterhin auf Vertrauen, Respekt und Offenheit basiert.

Grenzen im Prozess

Wenn nötig, die Mediation abbrechen. In extremen Fällen, in denen das Vertrauen grundlegend untergraben wurde und es keine Aussicht auf eine positive Resolution gibt, kann es notwendig sein, die Mediation zu beenden. Es ist wichtig zu betonen, dass dies eine letzte Maßnahme sein sollte und nur in Betracht gezogen werden sollte, wenn alle anderen Optionen ausgeschöpft sind.

Wenn in der Mediation tatsächlich jemand lügt

Als Mediator:in ist es von entscheidender Bedeutung, die Komplexität menschlichen Verhaltens zu verstehen und die Hintergründe möglicher Unwahrheiten zu erkennen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen in Konfliktsituationen aus Selbstschutz oder zur Vermeidung von Gesichtsverlust flunkern oder die Wahrheit abwandeln.

Für Mediator:innen ist die Balance zwischen Wahrheit und Sensibilität ein zentraler Aspekt ihrer Arbeit. Direkte Anschuldigungen, jemand lüge, können schnell zu einer Eskalation führen und den gesamten Mediationsprozess gefährden. Eine solche Anschuldigung würde nicht nur das Prinzip der Allparteilichkeit verletzen, sondern auch das Vertrauen zwischen den Parteien und dem Mediator oder der Mediatorin erheblich beschädigen.

Gleichzeitig, wenn eine Partei die andere der Lüge bezichtigt, kann dies ebenfalls den Einigungsprozess stören oder gar unmöglich machen. Es kann zu einem Gesichtsverlust führen, der die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den Parteien weiter erschwert.

Die Herausforderung als Mediator:in besteht darin, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem offen über die Konfliktsituation gesprochen werden kann, ohne dass eine Partei das Gesicht verliert. Dabei ist es wichtig, die Gespräche so zu lenken, dass die Fakten und Gefühle auf den Tisch kommen, ohne dass sich eine Partei angegriffen fühlt. Ein erfahrener Mediator oder eine erfahrene Mediatorin wird diese sensiblen Situationen erkennen und angemessen darauf reagieren, um das Ziel der Mediation, nämlich eine einvernehmliche und für alle Seiten zufriedenstellende Lösung zu erreichen, nicht zu gefährden.

Hast du schon meinen Blogartikel zum Pinocchio-Syndrom gelesen? Der Begriff “Pinocchio-Syndrom” wird häufig verwendet, um das Verhalten von Menschen zu beschreiben, die Schwierigkeiten haben, die Wahrheit zu sagen. Oder die dazu neigen, häufig zu lügen, möglicherweise aus Angst, Scham oder anderen Gründen.

Bild von 3 Holz-Pinocchios, die lange Nasen haben

Und wenn Kinder in der Mediation lügen?

In der Mediation mit Kindern kann es vorkommen, dass wir einem Flunkern oder Unwahrheiten begegnen. Kinder zeigen ihre Unsicherheit oft auf eine sehr transparente Weise, ihr Gesicht könnte rot werden oder ihre Sprache könnte sich verändern. Doch als Mediator:innen sind wir nicht dazu da, das Kind zur Wahrheit zu erziehen. Unsere Rolle besteht vielmehr darin, den Konflikt zu bearbeiten und eine Lösung zu finden.

Die Frage, wer zuerst mit Beleidigungen begonnen hat, ist in der Regel weniger relevant. Der Kern der Mediation liegt darin, eine zukünftige, friedliche Situation zwischen den beiden Konfliktparteien zu ermöglichen. Wenn ein Kind aus Selbstschutz „lügt“, zeigt dies, dass es eine gewisse moralische Einsicht besitzt – es hat erkannt, dass es etwas Unangemessenes getan hat, und empfindet dies als so peinlich, dass es dies nicht offen ansprechen möchte.

In solchen Situationen ist es wichtig, diese Empfindungen zu respektieren und den Raum zu schaffen, in dem die Kinder ihre Konflikte auf eine Art und Weise lösen können, die ihre Würde und Selbstachtung bewahrt. Als Mediator:innen begleiten wir sie auf diesem Weg, ohne moralische Urteile zu fällen. Stattdessen unterstützen wir sie dabei, aus ihren Erfahrungen zu lernen und ihre Konfliktlösungskompetenzen weiter zu entwickeln. Denn letztendlich geht es in der Mediation nicht um Schuld und Unrecht, sondern um Verständigung und Versöhnung.

Ich wünsche dir, dass du gut damit umgehen kannst, wenn du das nächste Mal als Mediator:in die Vermutung hast, dass jemand in der Mediation „lügt“. Beste Grüße von Christa

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