Kinderarmut in Deutschland

Trauriges Mädchen

Kinderarmut in Deutschland ist seit Jahren ein ernstzunehmendes Problem. Darum nimmt dieser Artikel den Weltkindertag am 20.09. zum Anlass und blickt intensiv auf dieses Thema.

Leonie ist arm

Leonie ist 11 Jahre alt, sie ist die älteste von vier Geschwistern. Zusammen mit ihrer Mutter wohnen die fünf in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Berlin-Lichtenberg. Das ist ziemlich eng und sie hat nie ihre Ruhe, auch nicht für ihre Hausaufgaben. Dennoch ist es besser als vorher, als sie noch zu fünft in einem Zimmer lebten. Leonies Mutter arbeitet auf der Sozialstation, das ist total anstrengend. Ihre Eltern sind getrennt. Ihr Papa bezahlt kein Geld (Unterhalt) für Leonie und ihre Geschwister. Ein Gericht hat zwar bestimmt, dass er das muss, aber er macht es trotzdem nicht. Ihre Mutter muss sie alle alleine über Wasser halten.

Das Geld reicht hinten und vorne nicht und am Ende des Monats gibt es morgens oft nur noch Brot mit Marmelade oder Käse und abends Nudeln oder Kartoffeln und Ei. Leonie wacht häufig davon auf, wenn ihre Mutter nachts rechnet und rechnet, wie sie z.B. eine neue Winterjacke für ihren großen Bruder bezahlen soll, Schuhe für ihren kleinen Bruder oder einen neuen Kühlschrank, weil der jetzt kaputt gegangen ist.

Inhalt

Kinderarmut in Deutschland

Leonie und ihre Geschwister sind vier Kinder von Millionen. Jede fünfte junge Person unter 18 lebt in Deutschland in Armut. Das bedeutet, dass ungefähr 2,8 Millionen Kinder und Teenager in Armut aufwachsen. Kinderarmut in Deutschland ist also für zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen keine Ausnahme, sondern ein Dauerzustand – mindestens fünf Jahre leben sie durchgehend in Armut oder immer wieder.

„Aber was bedeutet Kinderarmut genau?“, lautete eine häufig gestellte Frage. Um diese wichtige Frage zu beantworten, nenne ich die beiden Leitlinien, nach denen Armut gemessen wird:

  1. Sozialstaatlich definierte Armutsgrenze: Kinder werden als arm definiert, wenn sie in einem Haushalt leben, in welchem Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch Zweites Buch (Grundsicherung für Arbeitssuchende/ SBG II/ Hartz IV) bezogen werden.
  2. Relative Einkommensarmut: Kinder gelten als armutsgefährdet, wenn sie in Haushalten aufwachsen, deren Einkommen geringer als 60% des mittleren Einkommens aller Haushalte ist.

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Im Vergleich zu vielen anderen Ländern ist Deutschland ein sehr reiches Land. Allerdings ist der Wohlstand innerhalb des Landes sehr ungleich verteilt. Eine Studie von 2020 stellt fest, dass die reichsten 10% in Deutschland etwa 67% des Gesamtvermögens besitzen (das reichste 1% der Bevölkerung hält ca. 35% des Vermögens in den eigenen Händen, und 9 % besitzen 32%). Im Gegensatz dazu besitzen 90% der Bevölkerung ca. 33% des Gesamtvermögens.

Diese Zahlen beziehen sich auf Erwachsene. Klar ist, dass Kinder immer in die Lebensumstände ihrer Familien hineinwachsen und ganz früh unterschiedlich sozialisiert werden in Bezug darauf, was sie an Möglichkeiten haben, an Spielsachen, an Räumen, an Taschengeld und vielem mehr.

Unterschiedliche Formen von Kinderarmut

Kinderarmut in Deutschland, das sind ganz verschiedene Realitäten:

  • Etliche Eltern beziehen Hartz IV, und damit haben Kinder ebenfalls eine überaus geringe Grundsicherung.
  • Kinder wachsen bei einem alleinerziehenden Elternteil auf (i.d.R. bei Müttern – 90% der Alleinerziehenden sind Mütter). Mit ca. 42% haben alleinerziehende Mütter (Eltern) das größte Armutsrisiko aller Familien.
  • Ein Elternteil bekommt Frührente (weil Erwerbsarbeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich ist) und hatte zuvor ein niedriges Einkommen; dann liegt die Grundsicherung noch unter dem Hartz IV-Satz.
  • Die Eltern gehen bzw. ein Elternteil geht einer Erwerbsarbeit nach, aber die Stelle ist nicht gut bezahlt und das Geld reicht hinten und vorne nicht aus.
  • Viele Kinder in Armut leben mit ihren Familienmitgliedern in beengten Wohnverhältnissen, mit mehreren Personen in einem Zimmer. Das hat auch viel mit der Benachteiligung von Menschen mit geringen Einkommen bei der Wohnungssuche zu tun. Etliche Vermieter*innen sind sehr direkt in der Diskriminierung bei der Wohnungssuche und sagen: „Kein Hartz IV.“
  • Manche verarmte Eltern und Kinder beziehen ihre Lebensmittel von der Tafel. Andere hätten ebenfalls ein Recht darauf, aber die Scham ist so groß, dass sie dies nicht in Anspruch nehmen.

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Armut macht Stress und Scham

Je nachdem, wie Kinder und Jugendliche aufwachsen, haben sie ganz unterschiedliche Erlebnisse und Ansichten dazu, was „normal“ ist. Für Leonie ist es z.B. normal, dass nie genug Geld da ist. Für sie ist es ebenfalls normal, dass sie ihr Leben navigiert in Bezug auf die Fragen, die für andere Leute und viele ihrer Schulkamerad*innen ganz gewöhnlich sind und bei denen sie sich nichts denken.

Die folgenden Fragen von Mitschüler*innen lösen bei ihr extremen Stress aus:

  • Gehen wir am Wochenende ins Schwimmbad?
  • Wollen wir ins Kino gehen?
  • Wo fahrt ihr diesen Sommer in den Urlaub hin?
  • Wollen wir uns eine Pommes holen?
  • Kommst du auf meinen Geburtstag?
  • Kommst du mich mal besuchen?

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Die Fragen lösen Stress bei Leonie aus, denn sie weiß: All diese Aktivitäten kosten Geld und ihre Mutter kann sie sich nicht leisten.

  • Schwimmbad: Für Sophie sind es „nur“ 4,50 €, aber für Leonie ist das eine Menge Geld.
  • Kino: Die 7 € gibt man nicht für eineinhalb Stunden Spaß aus, davon kann man bei einem Second-Hand-Laden eine Hose kaufen, vielleicht sogar zwei.
  • Urlaub: Leonies Familie fährt nie in den Urlaub. Das kennt sie nicht mal.
  • Pommes: Für die 3,50 € kann man bei Aldi oder Netto eine Menge Lebensmittel bekommen, wenn man gut rechnet und schaut, was gerade im Angebot ist.
  • Geburtstagsfeier: Ein Geschenk kostet Geld, auch das Geschenkpapier kostet 1-2 €.
  • Besuchen: Wenn die Schulkameradin weiter weg wohnt, dann braucht Leonie einen Einzelfahrschein für den Hin-und Rückweg, und das sind allein schon 3,80 €.

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Natürlich würde Leonie das alles nie sagen, dafür schämt sie sich zu sehr. Wenig Geld zu haben ist etwas, was sie so gut versteckt, wie sie nur kann. Deshalb hat sie sich eine Reihe an Sätzen und Gründen zurechtgelegt, mit denen sie reagieren kann. Wenn es um Eis oder Pommes geht, sagt sie: „Ich habe keinen Hunger.“ (Oft isst dann die andere Person Eis oder Pommes, während Leonie insgeheim auch gerne welche/s hätte.) Sie sagt: „Ich habe keine Zeit“ oder „Ich habe schon andere Pläne.“ Leonie schlägt auch vor, in den Park zu gehen oder sich in der Bücherei zu treffen (kostenlose Alternativen), darauf haben die anderen Kinder aber nicht so viel Lust. Kurz: Sie wendet unheimlich viel Energie auf, damit ihr Umfeld nicht mitbekommt, wie wenig Geld sie haben. Deshalb lädt sie auch andere nie zu sich nach Hause ein, die zwei Zimmer zu fünft soll niemand sehen.

Leonie wird als „komisch“ abgestempelt

Mit der Zeit fällt es natürlich auch auf, dass Leonie für Spaß nicht zu haben ist. Sie gilt als komisch. Mit dem Mangel an Geld für Unternehmungen wird sie einsamer und sozial isoliert.

Bei Klassenfahrten oder Schulausflügen meldet sich Leonie (bzw. ihre Mutter) krank. Dafür ist definitiv kein Geld da; es ist nicht einmal denkbar. Leonie und ihre Mutter wissen zwar, dass es staatliche Zuschüsse für Schulausflüge und Klassenfahrten gibt, aber immer nur, wenn man lange Anträge stellt, und die sind bürokratisch und kompliziert. Leonies Mutter schämt sich, die Anträge nicht zu verstehen. Sie fühlt sich dumm, weil sie nicht weiß, was mit bestimmten Ausdrücken oder Angaben und Wörtern gemeint ist. Damit ist sie nicht allein: Nur die Hälfte von verarmten Familien kommt auf diese hochschwelligen Hilfen zurück.

Pandemie verstärkt Ungleichheiten

Kinderarmut in Deutschland ist seit langem ein großes Thema. Und sie nimmt zu, die Schere zwischen Reich und Arm wird größer, der Mittelstand schrumpft. Das war bereits lange vor Pandemiebeginn eine alarmierende Erkenntnis. Der Anteil von Personen, die von dauerhafter Armut bedroht sind, liegt bei 44 % – das ist doppelt so hoch wie gegen Ende der 1990er Jahre.

Mit der Pandemie verstärkten sich soziale Ungleichheiten noch mehr. Als während der Lockdowns auch Schulen geschlossen wurden, fielen z.B. warme Mahlzeiten für Schüler*innen weg. Eltern mussten zusätzliche Mahlzeiten einplanen, die in ihrem bereits knappen Budget nicht vorgesehen waren. Viele Menschen verloren ihre Arbeitsstelle oder verdienten weniger Geld. Das war insbesondere im Niedriglohnsektor der Fall. Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche waren geschlossen. Sozialen Einrichtungen wurden und werden Gelder gekürzt. Auch FFP2-Masken waren lange teuer, und die einmaligen Zuschüsse vom Jobcenter reichten für die zahlreichen pandemiebedingen Mehrbedarfe für Familien nicht aus. Momentan gibt es eine starke Inflation, und es ist kein Ende in Sicht für die Kinderarmut in Deutschland.

Sieben Tipps für die Unterstützung von Kindern in Armut:

Es kann hilflos machen, sich diese Entwicklungen anzuschauen und über die Jahre zu verfolgen. Es ist erschreckend, wie wenig strukturell und dauerhaft unternommen wird, um etwas Grundlegendes in Bezug auf die zunehmende Armuts-Reichtumsschere zu ändern. Und gleichzeitig stellt sich die Frage: Was können Lehrkräfte und Pädagog*innen ganz praktisch tun?

Hier sind sieben Tipps, was Pädagog*innen in Schule ganz konkret tun können:

  • Über Kinderarmut sprechen, und zwar informativ, altersgerecht und ganz allgemein. Es soll dabei keinesfalls um konkrete Kinder gehen. So kannst Du z.B. sagen, dass Armut nicht nur in anderen Ländern vorkommt, sondern auch in Deutschland. Du kannst Zahlen nennen: Jedes fünfte Kind – und dann die Klasse von eins bis fünf durchzählen lassen, wie viele es rein rechnerisch sind. Dies kann betroffenen Kindern das Gefühl vermitteln, dass sie nicht allein sind.
  • Beim Elternabend darüber reden, auch allgemein. Zum Beispiel: „Wir planen demnächst einen Schulausflug/eine Klassenfahrt. Wir wissen, dass die Beiträge für viele Eltern teuer sind und mehr kosten, als sie sich leisten können. Gleichzeitig soll kein Kind ausgeschlossen werden, weil das Geld fehlt. Es gibt Anträge auf Zuschüsse und Kostenübernahme. Und wir wissen auch, die Anträge sind sehr schwer zu verstehen, viele Eltern nehmen das deswegen nicht in Anspruch. Wir helfen gerne bei den Anträgen.“ (Das nur anbieten, wenn es mit den schulischen Kapazitäten möglich ist, sonst sagen, wo Eltern Unterstützung bekommen können.)
  • Eltern respektvoll und freundlich behandeln, von denen du weißt, dass sie finanzielle Schwierigkeiten haben. Oft wird darauf hinweisen, dass Kinder nichts für die Armut können, und es ist ebenso wichtig, Eltern nicht die Schuld zu geben.
  • In der Schulklasse sagen, dass die Kinder jederzeit auf dich zukommen können, wenn es um finanzielle Unterstützung für Schulausflüge/Klassenfahrten geht und sich eine Lösung finden lässt (nur anbieten, wenn es tatsächlich eine Lösung gibt von der Schule aus).
  • Flyer in der Schule auslegen von sozialen Einrichtungen, in denen Kindern kostenlose Mahlzeiten, Hausaufgabenhilfe und Freizeitangebote zur Verfügung gestellt werden.
  • Offen über ungleiche Chancen sprechen: Die Herkunft bestimmt bei Kindern oft maßgeblich, wie ihre eigene schulische Laufbahn aussieht, ob sie eine Gymnasialempfehlung erhalten oder nicht, studieren oder nicht, dementsprechend auch wie viel Einkommen sie später haben usw. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder, deren Eltern Akademiker*innen sind, eine Gymnasialempfehlung erhalten, ist etwa 4x höher als bei Kindern von Facharbeiter*innen – bei den gleichen Schulnoten.
  • Mit Kindern darüber sprechen, dass sie niemanden wegen wenig Geld beschämen dürfen. Du kannst sagen, dass es viele Vorurteile gibt gegen Menschen, die erwerbslos sind und/oder wenig Geld haben, und dass diese Vorurteile ungerecht sind. Es ist möglich, in einfachen Worten zu schildern, dass die Entwicklungen viele Menschen betreffen und dass sie die Folgen von politischen (und menschengemachten) Entscheidungen sind. Daran anknüpfend kann darüber gesprochen werden, was Kinder gerecht und ungerecht finden. (Aber: Keine Sammelaktionen – das kann wieder Probleme für Kinder bringen, die sich nicht leisten können, etwas zu geben und die nicht Almosenempfänger*innen sein wollen.) Und immer wichtig: Am WIR-Gefühl der Klasse arbeiten.

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Lasst uns gemeinsam etwas gegen Kinderarmut tun.

Es ist deutlich, dass die Kinderarmut in Deutschland gestoppt werden muss. Und: Hast du Tipps, wie Lehrkräfte und Pädagog*innen mit Schüler*innen über Armut sprechen können, um diese zu entstigmatisieren und von Armut betroffenen Kindern das Gefühl zu geben, das sie nicht allein sind? Ich freue mich über jede Anregung

sagt Christa Schäfer

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