„Vorteile“ der Pandemie für junge Menschen

Bis vor kurzem war ich davon überzeugt, dass die Pandemie, Lockdowns und Schulschließungen ausschließlich Nachteile für Kinder und Jugendliche hätten. Die zahlreichen Berichte sprachen für sich: Eine Zunahme von Konflikten zu Hause, mehr elterliche Gewalt gegen Kinder, ein Anstieg an psychischen Belastungen (welche wiederum weniger aufgefangen werden können), weniger soziale Kontakte. Die Liste ließe sich fortsetzen. Dann stellte ich fest, dass die Lockdowns in der Pandemie auch positive Effekte für viele Kinder und Jugendliche hatten.

Inhalt

Lockdown gut fürs Schlafverhalten

Kürzlich las ich die Ergebnisse einer schweizerischen Studie, die mich überraschten. Die Universität Zürich befragte während des ersten Lockdowns 3.664 Gymnasiast*innen im Kanton Zürich.

Gegenstand der Studie war die Lebensqualität und das Schlafverhalten der jungen Menschen. Die Werte wurde verglichen mit einer Befragung von 2017, an welcher 5.308 Schüler*innen teilgenommen hatten. In den drei Monaten des Homeschoolings schliefen die Jugendlichen 75 Minuten mehr, was ihre Lebensqualität signifikant verbesserte.

Schlafmangel steht bei (jungen) Menschen häufig mit Angst, körperlichem Unwohlsein und allgemeiner Müdigkeit in Verbindung. Kognitive Fähigkeiten leiden darunter – also Konzentration, Aufmerksamkeit und das Gedächtnis. Und ebendiese Befähigungen sind elementar für die Schule, für Noten und Leistungen. Für die Entwicklung von Teenagern ist es wichtig, länger zu schlafen. Dies wird jedoch durch die frühen Schulöffnungen unmöglich gemacht.

Die Jugendlichen gaben an, während des Distanzlernens im Lockdown 90 Minuten morgens länger geschlafen zu haben. Sie gingen abends 15 Minuten später ins Bett als zum Präsenzunterricht. Somit erhielten sie 75 Minuten mehr Schlaf. An den Wochenenden gab es keinen Unterschied.

Die Teenager erklärten weiterhin, während des Lockdowns weniger Kaffee und Alkohol zu konsumieren, was wiederum von Vorteil für ihre Gesundheit war.

Anhand dieser Erkenntnisse wird nun in der Schweiz über eine spätere Schulöffnung diskutiert, um die positiven Effekte ggf. auch außerhalb des Lockdowns zu etablieren.

Covid als Pause für überforderte Kinder

Die schweizerische Studie ist nicht das einzige, das mich annehmen lässt, es gäbe auch Vorteile für manche Kinder und Jugendliche. Die folgenden Beobachtungen kann ich mit keiner Studie belegen, aber ich bekomme sie immer wieder von Pädagog*innen, Lehrer*innen und Schulsozialarbeiter*innen erzählt:

Manche Kinder und Jugendliche werden von ihren Eltern oder Erziehungsberechtigten sehr gefordert. Vor der Pandemie hatten sie einen sehr durchorganisierten Stundenplan, der sich weit über die Schule erstreckte: Musikunterricht, Sportverein, vertieften Fremdsprachenunterricht…

Die Tage dieser jungen Menschen waren bis vor der Pandemie durchgeplant. Die Kinder und Jugendlichen hatten oft nicht so viel Mitbestimmungsrecht. Es ist ein Phänomen von mittelständischen, wohlhabenden Familien, bei denen die Eltern sehr in die Bildung ihrer Kinder investieren. Wichtig ist, dass die Kinder „etwas“ machen, und dass sie viel machen. „Nichts machen“ gibt es nicht. „Meinen Eltern ist es wichtig, dass ich beschäftigt bin,“ so eine Schülerin, mit der ich sprach. Sie fügte hinzu: „Wie es mir dabei geht und ob mir das eigentlich zu viel ist, interessiert sie nicht.“

Für manche dieser Kinder und Jugendlichen stellte die Pandemie mit ihren Einschränkungen eine gewisse Verschnaufpause dar. Sie hatten mehr Zeit für sich, mussten weniger leisten und sich weniger beweisen. Es ist allerdings auch eine Herausforderung, in die Ruhe zu kommen, wenn das Hamsterrad sich nicht mehr so schnell dreht. Was auf einmal machen mit der ganzen freien Zeit, wenn alles nicht mehr so durchgetaktet ist?

Schulschließungen als Chance

Der Neuropsychologe Gerald Hüther ist ein bedeutsamer Kritiker der Schule als Institution in der Art und Weise, wie sie derzeit existiert. Er geht davon aus, dass zahlreiche Kinder in der Schule die Lust am Lernen verlieren. Er betont, dass das, was in der Schule stattfindet, kein Lernen sei, denn Lernen finde in der Auseinandersetzung mit der Welt statt. Im idealen Fall konnten sich Kinder und Jugendliche während der Schulschließungen und Pandemie-Einschränkungen mehr damit auseinandersetzen, was ihnen Freude bereitet, ihren eigenen Interessen nachgehen, etwas Neues für sich entdecken und Dingen auf den Grund gehen. Er spricht von der Corona-Krise als Chance für die Potentialentfaltung bei Schüler*innen.

Hüther weiß um die Bedrängnisse von Eltern, deren Kinder über Langeweile klagen. Er ist sich allerdings auch sicher, dass es kontraproduktiv ist, immer nach Beschäftigungen für die Kinder zu suchen. Neurobiologisch sei Langeweile wichtig, weil aus derselben Ideen entstünden. Diese Annahme teilt er übrigens mit dem Generationenforscher Rüdiger Maas, der in seinem neuen Buch darüber schreibt, dass die Generation Alpha die unglücklichste seit dem zweiten Weltkrieg sei.

Jede Krise ist für Hüther Chance für eine fundamentale Veränderung. Eingerostete Handlungsmuster, Gewohnheiten, Denkweisen und Strukturen kommen so ins Wanken. Die Krise durch Covid beinhalte mehr Chancen als Risiken. Er erklärt: „Das Schlimmst, was uns passieren kann ist, dass alles so weiter geht wie bisher.“

Positive Nebeneffekte der Pandemie

Es gibt eine breite Palette daran, was junge Menschen auch Positives aus der Pandemie mitnehmen. Wie weiter oben sind folgende Erkenntnisse sind nicht das Ergebnis einer Studie, sondern stammen aus den Erfahrungen von mir bekannten Schulsozialarbeiter*innen, Pädagog*innen und Lehrkräften:

  • Schüler*innen, die in der Schule körperliche Gewalt erlebten, waren während des Distanzlernens froh, dass sie „eine Pause hatten“ (natürlich gibt es auch Cyber-Mobbing – das läuft weiter).
  • Es gab Kinder und Teenager, die bereits große Krisen erlebt hatten (u.a. posttraumatische Belastungserscheinungen) und die seit Beginn der Pandemie ruhiger und ausgeglichener geworden waren. Da die Krise alle betrifft, fühlten sie sich weniger allein.
  • Manchen Kindern und Jugendlichen (wie auch Erwachsenen), die mit Angstthemen zu schaffen hatten, tat es gut, wenn die Welt um sie herum auch mal Angst hatte. Sie fühlten sich weniger isoliert und seltsam in Bezug auf die Ängste, mit denen sie durchs Leben gingen.
  • Ähnliches gilt für einige der jungen Menschen, die z.B. Extremsituationen hinter sich hatten und sich innerlich in einem häufigen Ausnahmezustand befanden. Mit Beginn der Pandemie und den Einschränkungen spiegelte sich ihr inneres Erleben auch in ihrem Außen wieder, das tat ihnen gut.
  • Kinder und Jugendliche im Autismus-Spektrum, für welche soziale Interaktionen mit viel Stress verbunden waren, fanden es manchmal leichter, online im Kontakt zu sein.
  • Es gab Jugendliche mit Behinderungen und Einschränkungen, die sich seit Pandemiebeginn besser vernetzt fühlten als zuvor. Barrieren fielen weg, die ihnen eine Teilnahme an Veranstaltungen erschwerten oder unmöglich machten.
  • Manche Kinder und Jugendliche genossen es im Lockdown, ihre Eltern mehr zu sehen, wenn diese ansonsten viel arbeiteten und außer Haus waren. Natürlich ist die Voraussetzungen, dass die Berufe der Eltern es zuließen, zu Hause bleiben zu können.

Covid-Folgen sind komplex

Ich möchte die gravierenden Folgen der Pandemie auf Kinder rund Jugendliche keinesfalls schönreden. Viele der Auswirkungen sind herzzerreißend, und es gibt in diesem Blog einen weiteren Blogartikel, in dem ich auf deprimierende Folgen der Corona-Pandemie für Kinder und Jugendliche zu sprechen komme. Mein Wunsch ist aber, die Wirkungen der Pandemie auf junge Menschen in ihrer Vielschichtigkeit zu betrachten. Menschen sind bekanntlich unterschiedlich, und auch mit Krisenerfahrungen – kollektiven wie persönlichen – gehen sie verschieden um. Je nach Zeitpunkt und weiteren Faktoren, die ihr Leben beeinflussen.

In jedem Fall: Die pessimistischen Erkenntnisse und Prognosen bezüglich junger Menschen und Pandemie sind nicht die einzigen, denen man Beachtung schenken sollte. Das verstellt den Blick auf die Komplexität menschlicher Erfahrungen.

Was ist dein Eindruck? Welche Erfahrungen hast du mit Kindern und Jugendlichen in der Pandemiezeit gemacht? Fallen dir auch positive Effekte ein?

Ich freue mich, wenn du deine Gedanken mit mir und uns an dieser Stelle teilst
sagt Christa

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