Schulabsentismus in Pandemiezeiten

Studien haben ergeben, dass sich das Problem mit Schulabsentismus in der Pandemiezeit verstärkt hat.

Es hat einfach mal niemanden interessiert, wie es mir ging, als ich noch brav zur Schule ging. Ich war irgendwie unsichtbar für die. Erst, als ich nicht mehr aufgetaucht bin, also irgendwann mit Corona und so, haben meine Lehrer mich bemerkt.“ – Alexander, 10. Klasse –

Meine Mitschüler haben mir im Lockdown Nachrichten geschickt mit sowas wie ‚Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn du nicht da wärest‘ und ‚Warum tust du uns nicht einen Gefallen und bringst dich um‘. Wie soll ich die denn wiedersehen?“ – Özlem, 8. Klasse –

Dass Kinder und Jugendliche der Schule fern blieben, war kein neues Phänomen. Schon lange vor Pandemiebeginn war Schulabsentismus ein großes Thema. Aber seitdem die Ausnahmesituation mit Covid-19 zum Dauerzustand geworden waren, nahmen die Zahlen in Bezug auf Schulabsentismus massiv zu. Im ersten Halbjahr 2020/21 fehlten Siebt- bis Zehntklässler*innen nach Angaben der Schulverwaltung insgesamt 152515 Tage. Die Zahl dürfte höher liegen, weil im Distanzunterricht viele Abwesenheiten gar nicht bemerkt werden (konnten).

In diesem Artikel geht es darum, was Schulabsentismus ist, wie sich die Situation mit der Pandemie verändert hat, welche Gründe es für Schulabsentismus im Allgemeinen und natürlich im Besonderen mit Covid gibt, um die Herausforderungen von und Lehrkräften, und um Tipps für Schulsozialarbeiter*innen und Lehrkräfte.

Inhalt

Schulabsentismus: Die wichtigsten Begriffe

Schulabsentismus ist ein Sammelbegriff für verschiedene Erscheinungen. Ihnen allen gemeinsam ist, dass Schüler*innen nicht am Unterricht teilnehmen. Das kommt bei allen Schulformen vor. Es gibt verschiedene Abstufungen:

  1. Schuldistanz: Die Schüler*innen distanzieren sich räumlich, zeitlich oder seelisch von der Schule. Es gibt in der Regel verschiedene Gründe dafür. Prävention ist gut möglich. Wenn verschiedene Berufsgruppen zusammenarbeiten, dann kann ein Schüler oder eine Schülerin wieder in die Schule integriert werden.
  2. Schulablehnendes Verhalten: Hier sind Schüler*innen körperlich zwar anwesend, aber sie lehnen die Schule mit deren Ansprüchen und allgemeinen Vorgängen ab. Dies wird häufig in Unterrichtsstörungen sichtbar. Man kann von „innerer Kündigung“ sprechen (im Englischen „hidden dropouts“ genannt).
  3. Schulaversion: Die betreffenden Schüler*innen haben eine ablehnende oder feindliche Haltung bzw. Einstellung der Schule gegenüber. Gründe können Konflikte mit Lehrkräften sein, Bestrafungen, disziplinarische Probleme, häufiges Leistungsversagen. Sie können auch auf eine mangelnde Beziehungsgestaltung zwischen Schüler*innen, ihren Familien und den Lehrkräften bzw. der Schule zurückzuführen sein.
  4. Schulabbruch: Schüler*innen brechen die Schule vorzeitig ab und steigen aus dem Schulsystem aus.
  5. Schulangst: Ein weiterer Punkt, der zu Schulabsentismus führen oder damit in Verbindung stehen kann. Hier geht es entweder um Ängste, welche auf die Schule bezogen sind oder dort ihren Ursprung haben. Das können Versagensängste sein, Ängste vor psychischer oder physischer Gewalt, vor Mobbing, vor Lehrkräften. Es können auch Ängste sein, die sich auf die Trennung von den Eltern oder Erziehungsberechtigten beziehen.

Allgemeine Gründe für Schulabsentismus

Ich wurde jahrelang zur Schule gezwungen. Jeden Morgen bin ich mit Bauchschmerzen und Übelkeit vor Angst zur Schule gegangen. Jetzt kann ich endlich zu Hause bleiben.“ – Widad, 9. Klasse –

Mein Papa haut meine Mama und meinen kleinen Bruder. Wenn ich bei ihnen bin, kann ich sie beschützen. Aber in der Schule geht das nicht, weil sie sind dann alleine mit ihm sind.“ – Thomas, 5. Klasse –

Schulabsentismus kann eine ganze Reihe von Gründen haben, die oft miteinander in Verbindung stehen. Selten ist es nur ein Faktor allein. Schulvermeidende Kindern und Jugendliche haben gemeinsam, dass sie meist belastenden Lebensumständen ausgesetzt sind und keine anderen Lösungsstrategien gefunden haben als die Schule zu meiden. Weitere Gründe für Schulabsentismus können sein:

  • Das Verhalten von Lehrkräften, wenn sie Schüler*innen vor anderen bloßstellen, niedermachen, lächerlich machen und an Mobbingstrukturen gegen Kinder/Jugendliche teilnehmen.
  • Die Familie des Schulkindes, die überfordert ist oder eine zwiespältige Einstellung zur Schule hat. Eine Familie, in der es Schwierigkeiten gibt, z.B. die psychische Erkrankungen der Eltern, eines Elternteiles oder Sucht. Es kann auch innerhalb einer Familie so viel Druck sein, dass Schulkinder Aufgaben von ihren Eltern übertragen bekommen, die es ihnen unmöglich machen, auch noch ihren Schulaufgaben und ihrer Schulpflicht nachzukommen.
  • Erfahrungen von Misserfolgen, die Schüler*innen in ihrer Schullaufbahn hatten. Viele Jugendliche entwickeln ein geringes Selbstbewusstsein und die Überzeugung, dass sie es „einfach nicht können“.
  • Gewalt, die das Kind/die jugendliche Person außerhalb oder innerhalb der Schule erlebt (hat) und deretwegen Konzentration schwer oder unmöglich ist.
  • Mobbing und/oder Cybermobbing durch Mitschüler*innen, dem die betroffenen Kinder/Jugendlichen entfliehen wollen.
  • Eine Clique, die das Fehlen an der Schule als Mutbeweis und Statusgewinn betrachtet.
  • Keine Sinnhaftigkeit im Unterricht, der Schule und der Zeit dort erkennen können.
  • Schlechter lernen und sich konzentrieren können bei ADHS, Lernschwierigkeiten etc. und keine oder zu wenig Berücksichtigung für den besonderen Förderbedarf.
  • Diskriminierungserfahrungen wie Rassismus, Sexismus, Klassismus, Queer- und Trans*feindlichkeit, Diskriminierungen gegen Menschen mit Behinderungen u.a.
  • Wenn Eltern/Erziehungsberechtigte der elterlichen Sorgepflicht in Bezug auf Erziehung, Aufsicht und emotionales Da-Sein nicht nachkommen.
  • Alkohol- und Drogenkonsum und Sucht bei Jugendlichen.
  • Verletzungen, die von Eltern zugefügt wurden, sollen unerkannt bleiben.

Corona-bedingte Gründe für Schulabsentismus

Meine Mama ist ganz doll krank. Sie darf auf keinen Fall Corona kriegen, sonst stirbt sie vielleicht.“ – Irfan, 2. Klasse –

Mein Vater hat mich früher um sechs Uhr zur Schule gebracht und abends um sechs wieder abgeholt. Um sieben musste ich schlafen gehen. Erst als das nicht mehr ging wegen Corona habe ich gemerkt, wie K.O. ich eigentlich bin und jetzt pack’ ich solche Tagenicht mehr.“ – Sophie, 7. Klasse –

Die Pandemie hat die Gründe, die Schüler*innen vorher zum Schulabsentismus hatten, nicht verpuffen lassen. Bereits vorhandene Probleme wurden mit der Pandemie meist schlimmer. Es sind zusätzlich auch noch neue Gründe für Schulabsentismus hinzugekommen:

  • Angst davor, sich selbst oder Familienmitglieder mit Covid anzustecken (insbesondere bei chronischen Erkrankungen, Risikogruppen).
  • Kein Schulbesuch mehr wegen der Testpflicht (die Eltern sind gegen das Testen).
  • Mal fiel die Schule komplett aus; mal war Online-Unterricht, dann wieder Präsenz; die Regeln für den Präsenzunterricht wechseln ständig. Dies zerstörte die Stabilität und Struktur, die Kinder und Jugendliche brauchen, und führte oft zu Desorientierung und Apathie.
  • Mit der Pandemie entstandene oder verschlimmerte Depressionen mit Antriebslosigkeit und Interessenlosigkeit machten es Kindern und Jugendlichen schwer bis unmöglich, in die Schule zu gehen. Das gleiche galt für andere psychische Erkrankungen, die während der Pandemie aufgekommen sind oder intensiver wurden.
  • Mediensucht, die sich in der Pandemie entwickelt hatte oder schlimmer wurde. Sie machte alles im analogen Leben unwichtiger, so auch die Schule und die sozialen Kontakte außerhalb von Medien.
  • Beim Online Unterricht: Ungleichheiten in Bezug auf digitale Möglichkeiten, Kenntnisse und vorhandene Technik zu Hause. Nicht alle Schüler*innen verfügten über die digitalen Kompetenzen oder eben die Technik an sich, die sie zum Digitalunterricht benötigten.
  • Leistungsstarke argumentierten, dass sie zu Hause effizienter lernen könnten, und sie sich ja auch selber die Inhalte schon daheim in kürzester Zeit beibrachten.
  • Für viele Kinder ist Schule ein heftiger Ort, und die gegenwärtige Situation in der Pandemie gab ihnen die Möglichkeit, diesen leichter zu meiden.

Herausforderungen für Lehrkräfte bei Schulabsentismus

Die Pandemiezeit, Lockdowns, Distanzunterricht und Digitalunterricht schafften eine Reihe von Schwierigkeiten für Lehrkräfte. Zum Einen verfügten sie über weniger Möglichkeiten der Überprüfung beim Online-Unterricht, da es schwerer zu sehen ist, wer fehlte, als im Präsenzunterricht. Zum Anderen konnten Lehrer*innen nicht sehen, ob ein Kind krank war, ob es sich krank fühlte oder ob es nur vortäuschte, krank zu sein.

Viele Lehrkräfte wissen: Schulabsentismus ist ein Symptom, aber nicht die Ursache. Gegen Schulabsentismus vorzugehen, ist also Symptombekämpfung, statt die wirklichen Schwierigkeiten zu adressieren. Aber wie sollen sie diese angehen? Die eigene Arbeit einigermaßen zu schaffen, ist ja bereits eine Herausforderung bei Unterbesetzung, Chaos, sich ständig ändernden Corona-Regulationen, Kontaktverfolgungen und einem hohen Krankenstand. Deshalb spielte und spielt die Schulsozialarbeit eine entscheidende und wichtige Rolle.

Was tun bei Schulabsentismus?

Wir versuchen, gemeinsam Lösungen zu finden. Dabei gehen wir auf die Kinder und Eltern zu und versuchen, eine Brücke von der Schule hin zu ihnen zu bauen. Wir wollen nicht verurteilen, sondern verstehen, was passiert.“ – Nesrin K., Schulsozialarbeiterin –

Es gibt kein Patentrezept, wie schulabstinente Kinder und Jugendliche wieder in die Schule eingegliedert werden können. Was hilft oder nicht hilft, kommt auf den konkreten Einzelfall an. Die Haltung ist aber von Bedeutung. Wie immer wichtig: Wertschätzend, freundlich, zugewandt, interessiert und aufmerksam bleiben. Druck löst oft Abwehr aus und ist kontraproduktiv.

Hilfreiche Gedanken zu Schulabsentismus

  • Gibt es ein bestimmtes Muster in Bezug auf Fehlzeiten? Werden ggf. spezifische Stunden gemieden? Wie ist das Klassen- und Schulklima? Was tun die Lehrkräfte/die Schule gegen Mobbing?
  • Junge Menschen bleiben der Schule nicht fern, weil sie ihre Lehrkräfte/Schulleitung etc. ärgern oder beleidigen wollen oder weil sie es böse meinen würden. Oft entsteht der Schulabsentismus aus einer realen Not heraus oder folgt einer eigenen Sinnhaftigkeit.
  • Viele Schüler*innen belastet die Frage: „Was passiert daheim, wenn ich in der Schule bin?“ Die Antwort auf die Frage sind häufig der Grund, nicht zur Schule zu kommen (z.B. ein Geschwisterkind wird vernachlässigt).
  • Sich fragen: „Warum kommt dieses Kind/diese*r Jugendliche*r nicht in die Schule? Was können wir machen, dass es wieder kommen kann?“ Dies auch bei der jungen Person erfragen, um die es geht und die Eltern.
  • Sieht das Kind/die jugendliche Person einen Sinn im Unterricht, in der Schule?
  • Dem Kind/der jugendlichen Person in Worten und Taten zeigen, dass dir deren Wohlergehen am Herzen liegt und nicht nur, ob sie im Schulunterricht erscheint oder nicht.

Praktische Vorgehensweise bei Schulabsentismus

  • Früh reagieren. Gespräche führen. Um so weiter Schulabsentismus voranschreitet, desto schwerer ist eine Veränderung möglich.
  • Die abwesenden Zeiten gut dokumentieren. Zu Hause anrufen und nachfragen, was mit der schulvermeidenden Person los ist.
  • Einen Hausbesuch abstatten. Schulsozialarbeiter*innen berichten, dass sie Abwehr und Unfreundlichkeit bei den Familien der schulvermeidenden Person befürchteten, zu ihrer Überraschung aber warm empfangen wurden. Ihrer Erfahrung nach verstanden sie nach dem Hausbesuch besser, weshalb die junge Person der Schule fernblieb, und konnten so gezielter schauen, wie eine Eingliederung in die Schule möglich war.
  • Kleinschrittigkeit: Häufig kann der Schulabsentismus nicht sofort gelöst werden. Es ist gut, einen zweistündigen Schulbesuch zu planen und danach zu fragen: „Wie ging es dir damit? Wie hast du es ausgehalten?“ Wenn das Modell erfolgreich ist, planen, dass die junge Person an zwei oder drei Tagen zu ausgemachten Zeiten in die Schule kommt. Keinen Druck ausüben, sondern begrüßen mit „Schön, dass du bei uns bist“. Ermutigung und positiv verstärkendes Verhalten sind wichtig. Den Kontakt mit den Eltern aktiv halten.
  • Als Notlösung: Eine jugendliche schulvermeidende Person mit der Polizei abholen lassen. Funktioniert oft nicht gut, da diese Person ein paar Stunden später häufig wieder fort ist.

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Schulabsentismus und Konflikte

Schulabsentismus hat auch eindeutig ganz viel mit dem Thema „Konflikte“ zu tun. Kinder und Jugendliche sind meist bei Schuldistanz im Konflikt mit Schulkamerad*innen, sie kommen in Konflikt mit ihren Eltern, mit ihren Lehrkräften, Schule kann in Konflikt mit Eltern kommen, und vieles mehr.

Insgesamt ist Schulabsentismus kein leichtes Thema. Ich wünsche dir viel Kraft, Ruhe und hilfreiche Unterstützung, wenn du in deinem Beruf oder privat mit Schulabsentismus zu tun hast. Empfehlen kann ich dafür auch folgende Informationsmaterialien zur Schuldistanz der Berliner Senatsverwaltung Bildung, Jugend und Familie.

In jedem Fall: Alles Gute von
Christa Schäfer

Hier schreibt:

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