Trauma und Traumapädagogik

Abertausende Ukrainer*innen sind in den vergangenen Wochen nach Deutschland und in andere Länder geflohen. Unter ihnen befinden sich auch sehr viele Kinder und Jugendliche. Die russischen Angriffe auf die Ukraine haben unendliches menschliches Leid geschaffen und werden mit all ihren Konsequenzen die nächsten Monate, Jahre und Jahrzehnte die überlebenden ukrainische Menschen und ihre Nachfahren begleiten.

Zunächst ist das Erlebte noch ganz frisch, die Eindrücke direkt. Viele Überlebende befinden sich in einem akuten Schockzustand. Sie müssen erst einmal realisieren, dass sie nichts mehr von ihrem früheren Leben übrig haben als die Gegenstände, mit denen sie geflohen sind. Dass ihre Wohnungen, zurückgebliebenen Haustiere, alle Fotos, Bücher, Dokumente, Spielsachen und Erinnerungsstücke aus ihrem zu Hause nicht mehr existieren. Dass ihr Leben nie wieder das gleiche sein wird. Insbesondere für Kinder ist dies besonders unbegreiflich.

Und auch für uns Erwachsene und für Kinder aus Deutschland ist die Situation unbegreiflich. Wichtig ist dennoch, dass wir mit unseren Schüler*innen in den Schulen über die Situation sprechen, gut sprechen können.

Mir sind noch keine aktuellen Zahlen für ukrainische Kinder bekannt. Bei geflüchteten syrischen Kindern hieß es 2015, dass ein Drittel psychisch belastet seien und jedes fünfte Kind posttraumatische Belastungserscheinungen (PTBS) habe. (Ich schreibe Belastungserscheinungen und nicht Belastungsstörung, weil eine PTBS eine normale Reaktion auf eine extreme Situation ist und ich die Folgen von extremer Gewalt nicht pathologisieren möchte.)

Inhalt

Was Traumatisierung bedeutet

Posttraumatische Belastungserscheinungen gehören unter den Trauma-Begriff. Das Wort Trauma kann mit „Verletzung“ übersetzt werden. Während Trauma in der Medizin körperliche Verletzungen wie z.B. Gewebezerstörungen, Knochenbrüche oder Schädel-Hirn-Verletzungen bedeutet, meint dieser Begriff in der Psychologie psychische oder seelische Verletzungen. Diese äußern sich in vorübergehenden oder auch andauernden Veränderungen und Irritationen von Wahrnehmungs-, Vorstellungs-, Empfindungs- Erinnerungs- und Denkprozessen. Dabei ist der Körper auch immer mit beeinflusst.

Bei einem Trauma handelt es sich um ein seelisch belastendes Ereignis oder um Situationen über einen längeren oder kürzeren Zeitraum, die eine immense Bedrohung darstellten und eine andauernde tiefgreifende Erschütterung des Verständnisses vom eigenen Selbst und der Welt nach sich ziehen.

Bei einem Trauma übernimmt im menschlichen Gehirn ein „Notfallprogramm“ die Steuerung. Dieses soll vor weiteren Verletzungen schützen und verhindern, in kommenden Gefahrensituationen hilflos und ausgeliefert zu sein. Eine Traumatisierung zeigt sich u.a. in Verhaltensweisen wie Unruhe, erhöhter Reizbarkeit, Angst und Aggressivität – natürliche Strategien eines Menschen, der Angst um das eigene Leben hatte.

Ein Trauma muss nicht immer zu einer Posttraumatischen Belastungserscheinung führen. Es gibt bestimmte Kriterien, welche eine PTBS nahelegen, was allerdings den Rahmen dieses Blogartikels übersteigt. Nur so viel: Ein Teil der PTBS kann sich u.a. in Ängsten, in sich aufdrängenden Gedanken und Bildern, Triggern, Flashbacks und Dissoziationen (nicht im eigenen Körper bleiben) äußern.

Trauma ist ein Prozess

Häufig wird Trauma als eine besonders furchtbare und einschneidende Erfahrung verstanden. Allerdings ist es hilfreicher, Trauma als einen Prozess zu begreifen. So zeigte der Psychiater Hans Keilson durch seine Studien, dass die Art und Weise, wie mit den Kindern in den Jahren nach dem traumatisierenden Ereignis umgegangen wurde, eine größere Auswirkung auf die Entstehung von Traumasymptomen hat als das auslösende Ereignis selbst.

Dies hat eine große Aktualität für Kinder, die Krieg und Flucht erlebt haben. Es geht eben nicht allein darum, was sie während z.B. Bombardierungen und auf der Flucht erlebten, sondern ganz entscheidend auch, wie es ihnen jetzt in Deutschland geht; wie sie aufgenommen werden; wie die Bedingungen in den Unterkünften sind; was sie bei Ämtern erleben; welche Erfahrungen sie mit den Menschen hier machen usw. Es gibt also verschiedene Sequenzen (Abfolgen) der Traumatisierung.

Das Konzept der sequentiellen Traumatisierung nimmt alle Menschen in die Pflicht, die mit geflüchteten Personen zu tun haben. Für geflüchtete Menschen – in diesem Fall Kinder und Jugendliche – kann die pädagogische Betreuung zur Heilung des Traumas also eine große Rolle spielen.

Doppelstandard bei geflüchteten Menschen

Bei allem, was derzeit Schockierendes in der Ukraine vor sich geht und was geflüchtete ukrainische Menschen jetzt in sich tragen, ist es gleichzeitig auch wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass Traumatisierungen von geflüchteten Kindern vor einigen Jahren schon einmal in diesem Ausmaße stattgefunden haben. Zahlreiche Kinder sind gemeinsam mit ihren Familien oder auch unbegleitet aus Syrien, Afghanistan und zahlreichen anderen Ländern nach Deutschland geflohen. Für viele von ihnen können jetzt die Kriegsbilder aus der Ukraine retraumatisierend wirken. Nach allem, was sie bereits erlebt und hinter sich haben, was sie auf sich genommen haben, um ihr Land hinter sich zu lassen und in ein ihnen unbekanntes Land zu kommen, fragen sich einige, ob sie jetzt in Deutschland sicher sind und ob der Krieg sie nun wieder einholt, und ob er nach Deutschland kommt.

In den letzten zwei Monaten stand medial die Ukraine stark im Fokus. Dabei haben eine Reihe an Personen starke Unterschiede wahrgenommen bezüglich der jetzigen Berichterstattung und früherer Berichterstattungen zum Thema Flucht.

Auch aus nicht-europäischen Herkunftsländern geflüchtete Menschen beobachten in Deutschland aufmerksam, wie ungleich der Umgang von sowohl deutschen Behörden, Medien wie auch von einem großen Teil der deutschen Bevölkerung in Bezug auf Geflüchtete aus unterschiedlichen Ländern ist.

Ich finde es wichtig, dass geflüchtete Menschen mit der ganzen Bandbreite ihrer Erfahrungen – inklusive Traumatisierungen – die gleichen Rechte haben, gleichgültig, woher sie flohen.

Traumapädagogik

Wenn Kinder traumatisiert sind, löst sich das nicht durch Zeit, oder nur in sehr seltenen Fällen. Junge Menschen benötigen hier ausgebildete Fachkräfte im Traumabereich, die sie unterstützen.

Für Menschen, die pädagogisch tätig sind, ist es im Umgang mit geflüchteten Kindern wichtig, etwas zur Traumapädagogik zu wissen.

Traumapädagogik ist eine recht neue Disziplin in der Pädagogik. Ihr Ursprung liegt in der stationären Jugendhilfe, als Pägagog*innen wie auch Pflegeeltern nach Antworten suchten in Bezug auf die mitunter extremen Verhaltensweisen von traumatisierten jungen Menschen.

Es geht dabei um eine verständnisvolle und wertschätzende Haltung gegenüber jungen Menschen mit Traumageschichte. Wichtig dabei sind Angenommen-sein, Resilienz und Ressourcen.

Die 5 Säulen der Traumapädagogik

  1. Die Annahme des guten Grundes:
    In der eigenen Geschichte ergibt alles Sinn, was eine Person von sich zeigt. Wichtig ist, Verständnis dafür zu haben, aber ggf. auch deutlich zu machen: Mit dem gezeigten Verhalten von dir bin ich nicht einverstanden und es gibt Alternativen dazu.
  2. Wertschätzung:
    Du bist gut so, wie du bist! Den Blick auf die Kompetenzen richten und bisherige Lösungsversuche respektieren.
  3. Partizipation:
    Etwas zutrauen und teilhaben lassen, aber nicht überfordern.
  4. Transparenz:
    Das Recht auf Klarheit – du kannst gerne jederzeit fragen und ich erkläre es dir.
  5. Spaß und Freude:
    Viel Schweres kann durch viel Schönes getragen werden.

3 Übungen

Die folgenden Übungen kannst du mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen durchführen. Es versteht sich von selbst, dass keine der Übungen Wunder bewirken kann, und dass große Belastungssituationen mehr erfordern als einfache Übungen, welche auf Ressourcen und Bewältigungsstrategien abzielen.

Ein sicherer Ort

Leite eine Übung an, bei der sich Schüler*innen mit geschlossenen Augen einen sicheren Ort vorstellen. An diesem Ort sind sie geborgen und fühlen sich vollkommen wohl. Die Kinder/Jugendlichen haben die vollkommene Kontrolle darüber, wie dieser Ort für sie aussieht, wie er sich anfühlt, wie warm es dort ist, ob es ein Ort aus ihrer Phantasie ist oder einer, den sie bereits physisch besucht haben, wer an diesem Ort sein darf usw. Alle Sinne werden miteinbezogen. Sie können sich dabei alles in Ruhe in den schönsten Farben ausmalen. Wenn es später schwierige Situationen gibt, können sich Kinder und Jugendliche selber an diesen Ort zurückbringen und dadurch Stärke erhalten.

Tresor

In dieser Übung stellen sich die Schüler*innen einen Tresor vor und überlegen, wo er sich befinden könnte. Es geht darum, dass belastende Bilder, Erinnerungen oder „Gedankenfilme“ bei Bedarf in diesem Tresor hinterlegt werden. Sie sollen nicht für immer in dem Tresor bleiben, aber für die Momente, in denen die jungen Menschen von ihnen überfordert sind und nicht mit ihnen fertig werden. Sollte ein Tresor nicht ausreichen, können mental auch eine Reihe von großen Schließfächer am Bahnhof oder in einer Bank in Anspruch genommen werden.

Freudebiografie

Bitte die Schüler*innen, sich an alle schönen Augenblicke in ihrem Leben zu erinnern und diese aufzuschreiben. Kein Moment ist zu klein dafür. Wie die Sonne ins Gesicht scheint, wie jemand einen Hund streichelt, ein phantastischer Geburtstag, das erste Mal schaukeln. Gib den Kindern und Jugendlichen ausreichend Zeit, um sich an möglichst viele schöne Momente in ihrer Kindheit/Jugend zu erinnern. Es macht Spaß, anschließend diese Momente der Freude zu zeichnen, und die Zeichnungen mitsamt der kostbaren Erinnerungen gut im Blick zu behalten.

Kennst Du das Fachgebiet der Traumapädagogik bereits?

Ich freue mich über Deine Kommentare und Hinweise
sagt Christa Schäfer

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