Angst und Schule in den Zeiten der Pandemie

Es ist mir ein wichtiges Anliegen, über die Angst im Schulkontext zur Pandemiezeit zu schreiben. Viele Kinder und Jugendliche haben Ängste, schon lange vor Pandemiebeginn. Und seitdem Covid vor beinahe zwei Jahren Anfang 2020 unsere Leben umgekrempelt hat, sind neue Ängste hinzugekommen. Ich möchte dich mitnehmen auf die Fragen, was Angst eigentlich ist, wie Angst krank machen kann, die Angst vor bzw. mit Covid, und was die Furcht vor Corona mit den bereits bestehenden Ängsten von jungen Menschen macht.

Angst – eine Definition

Das folgende Zitat gefällt mir gut, weil es erklärt, was Angst mit Menschen macht:

„Angst ist ein natürliches Gefühl, das uns normalerweise vor Gefahren und Bedrohungen warnt. Durch das Angstgefühl wird der Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Wir beginnen, die Gefährlichkeit einer Situation und unsere Handlungsmöglichkeiten abzuwägen und geeignete Abwehrmaßnahmen zu treffen. Das können zum Beispiel Reaktionen wie Flucht, Abwarten oder Angriff sein. Ist die Bedrohungssituation vorbei, verschwindet auch die Angst.“

https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/wissen/angststoerung/hintergrund

Angsterkrankungen / Angst“störungen“

Für viele Menschen verschwindet die Angst allerdings nicht, wenn die Bedrohungssituation vorbei ist. Von sog. Angst“störungen“ wird dann gesprochen, wenn die Angst dauerhaft und stark ausgeprägt ist und wenn sowohl körperliche Symptome eine Rolle spielen als auch die Gedanken und das Verhalten dadurch beeinträchtigt werden. (Gleich vorweg: Ich verwende das Wort „Störung“ nicht gern, weil es eine abwertende Konnotation hat und weil Krisen zum Leben dazugehören. Die allermeisten Menschen haben hier und da, mal länger, mal kürzer, mal leichter und mal intensiver mit Themen zu tun, die unter psychische Auffälligkeiten fallen.)

Jede sechste erwachsene Person in Deutschland hat mit einer Angsterkrankung zu kämpfen. Eine sog. Angst“störung“ ist damit die häufigste psychische Erkrankung; auch Depressionen und Alkoholismus fallen hinter ihr zurück. Bei Kindern und Jugendlichen liegt die Zahl noch höher: ca. 10% von ihnen sind von einer akuten Angsterkrankung betroffen (10-15% der Grundschulkinder und 5-10% der Teenager). Damit gehören Angst“störungen“ zu der häufigsten psychischen Erkrankung für junge Menschen.

Wichtig zu wissen: Die Angsterkrankungen gehen mit körperlichen Symptomen einher. Kinder und Jugendliche, die viele Befürchtungen haben, sind oft erschöpft dadurch, fühlen sich benommen, haben Kopf- oder Bauchschmerzen. Es werden ständig Stresshormone produziert, welche die Schüler*innen unter Daueranspannung bringen und nicht zur Ruhe kommen lassen. Da die Ängste viel Platz und Energie einnehmen, können sich die jungen Menschen weniger auf den Schulunterricht konzentrieren. Auch Schlafen stellt häufig ein Problem dar.

Angst vor bzw. mit Covid

Corona hat viele neue Ängste mit sich gebracht. Hier sind einige von ihnen:

  • Viele Kinder/Jugendliche haben Angst, sich in der Schule mit Covid anzustecken. Dies ist insbesondere für Kinder mit Vorerkrankungen und chronischen Krankheiten der Fall.
  • Kinder haben Angst, dass ihnen andere „zu dicht“ kommen.
  • Kinder haben Angst, dass ihr Test positiv ist, und dass sie „ausgeschlossen werden.“
  • Kinder/Jugendliche haben Furcht, Familienmitglieder oder andere Menschen aus ihrem nahen Umfeld zu infizieren, die ggf. vulnerabel sind.
  • Etliche jungen Menschen befürchten, dass ihre Eltern ihren Beruf verlieren im Zuge der Pandemie.
  • Teenager haben Angst, ihre Jugend zu verpassen. Vieles, was zu ihrer Entwicklung gehört, ist nicht möglich oder nur unter erschwerten Bedingungen.

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Die Unsicherheit ist belastend für junge Menschen und macht Angst. Eine Gewissheit um schlechte Nachrichten ist einfacher zu verkraften, als nicht zu wissen, wie es weitergeht. Die Hoffnungen wurden schon so oft enttäuscht. Die Erwartungen, dass wenn man nur eine Weile tapfer ist und verzichtet, es dann wieder weitergehen kann wie vorher, haben sich zerschlagen. Die Angst aus dieser Unsicherheit heraus zermürbt viele.

Angst und Konflikte

Konflikte in Familien haben zugenommen.
Konflikte in der Schule ebenfalls.
Die Ängste von Kindern und Jugendlichen können zu Konflikten führen.
Oder anders gesagt können Konflikte in Corona-Zeiten aus Angst resultieren.

Dazu ein Beispiel aus einer Grundschule im Frühjahr 2021. Linda geht in die vierte Klasse. Sie beschäftigt sich sehr mit der Covid-19 Pandemie. Die Pandemie ist in ihrem Elternhaus stets Thema, beide Eltern arbeiten zu Hause, der Kontakt zu den Großeltern ist stark eingeschränkt, der Klavierunterricht findet auch nicht mehr statt, und Lust auf den Spielplatz hat Linda schon lange nicht mehr. Schon öfters war Linda für ein paar Tage zu Hause, mal Kopfschmerzen, mal Bauchschmerzen. Dann geht sie wieder in die Schule und versucht, sich an das Leben dort zu gewöhnen. Doch so einfach ist das nicht. Der Klassenraum ist eng, es wird ganz viel gelüftet, doch eine ihrer Freundinnen nimmt es mit den Hygienemaßnahmen leider nicht so genau. Mal hängt die Maske nur am Ohr, dann hustet sie in ihre Hand und berührt damit die Tische und Türklinken. Linda hat anfangs mit ihrer Klassenlehrerin darüber gesprochen, doch keine Unterstützung erhalten. So erträgt sie es eine Weile, die gedankenlosen Verhaltensweisen ihrer Ex-Freundin mit ansehen zu müssen. Eines Tages dann ist jedoch alles zu viel. Wie aus heiterem Himmel verpasst Linda ihrer Klassenkameradin einen solchen Schlag, dass diese hintenüber fällt. Jetzt wird Linda zur Rechenschaft gezogen. Sie hat aus Angst gehandelt, aus Angst, die immer größer geworden ist. Reden hat nicht geholfen. Die Suche nach Unterstützung war vergebens. Und so ist es irgendwann aus ihr heraus gebrochen, und der Konflikt hat sich aus der Angst empor gehoben und für mächtig viel Ärger und Stress gesorgt. Nun kann nur gehofft werden, dass alle Beteiligten gut mit dem Konflikt umgehen werden.

Momentan sind es viele Konflikte, die aus Angst entstehen, die zur Schulmediation kommen.

Was hinter der Angst liegt?

Ein nicht erfülltes (und derzeit auch nicht erfüllbares) Sicherheitsbedürfnis.
Die Angst vor Ansteckung, schwerer Krankheit, sogar dem Tod.

Angsterkrankungen / “störungen“ bei jungen Menschen

Ängste sind bei Kindern ein wichtiger Teil ihrer Entwicklung. Zu verschiedenen Zeiten kommt es zu angstbesetzten Phasen, wobei sich die konkrete Angst je nach Alter und kognitiver Entwicklung verändert. Es wird von normgerechten Ängsten gesprochen (z.B. die Dunkelangst) und sie gehen wieder vorüber. Wenn Ängste jedoch anhalten und ein sehr hohes Maß annehmen, dann spricht man von einer Angst“störung“ oder einer Angsterkrankung.

Die folgenden Angsterkrankungen treten häufig bei Kindern und Teenagern auf:

  • Trennungsangst: Eher Kinder als Jugendliche haben eine überaus starke Furcht davor, sich von ihren Eltern (häufig der Mutter) zu trennen und das Haus zu verlassen. Wenn sie sich verabschieden müssen, empfinden Kinder massiven Stress. Sie befürchten, ihre Eltern nie wieder zu sehen. Nicht selten tritt die Trennungsangst als Folge von belastenden Lebenssituationen auf wie dem Tod eines geliebten Menschen oder des Haustiers, einem Umzug oder Schulwechsel. Bei manchen Kindern ist die Trennungsangst so stark ausgeprägt, dass sie oder nicht an Schulausflügen oder an Klassenfahrten teilnehmen möchten oder weniger bzw. gar nicht mehr in die Schule kommen.
  • Generalisierte Angst“störung“ (GAS). Diese Angst hat keinen spezifischen Auslöser, sie kann sich auf alles stürzen, und sie kann sich unglaublich schnell abwechseln. Mal erscheint das eine Schreckensszenario im Kopf, kurz später ein anderes (Beispiele: Was ist, wenn ein Krieg kommt, wenn meine Eltern ihre Arbeit verlieren, wenn es ein Erdbeben gibt, wenn meine Schwester eine Krankheit bekommt…). Oft werden die Kinder mit einer GAS „kleine Erwachsene“ genannt“, weil sich ihre Sorgen auf Themen wie Sicherheit, Pünktlichkeit, Finanzen oder nationale/globale Katastrophen und Krisen beziehen. Häufig haben sie ein perfektionistisches Verhalten und verhalten sich sozial wünschenswert, was ihre Not für das Umfeld oft schwerer macht zu erkennen.
  • Phobien: Es wird unterschieden in spezifische Phobien, Sozialphobie und Agoraphobie: – Spezifische Phobien umfassen z.B. Spinnenphobie, Angst vor Hunden, Spritzen u.a. – Sozialphobie bezeichnet die Angst bzgl. sozialer Situationen. Hierbei geht es um Ängste, sich zu blamieren, zu versagen, gedemütigt und der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden (und leider sind dies keine unrealistischen Ängste, sondern die Realität von zahlreichen Kindern und Teenagern in ihrem Schulalltag!). – Agoraphobie ist die Angst vor Menschenmassen oder aus öffentlichen Plätzen. Dies betrifft i.d.R. eher Jugendliche.
  • Ängste können auch in Panik umschlagen. Bei Panikattacken fällt es schwer zu atmen, es kommt zu Herzrasen, Enge in der Brust und manchmal zu Todesangst.

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Prä-Corona-Ängste machen keine Pause

So wie Krebs, Herzinfarkte und andere Krankheiten während der Pandemie durch Covid keine Pause machen, so haben auch die vorher bestandenen Angsterkrankungen von jungen Menschen nicht aufgehört. Im Gegenteil:

Trennungsangst bei Kindern verstärkt sich durch Covid – zu allen anderen Befürchtungen kommt nun auch noch hinzu, dass die Eltern an dem Virus sterben könnten.

Die Generalisierte Angst“störung“ stürzt sich auch auf alles, was mit Corona verbunden ist: Die Eltern/Großeltern könnten schwer erkranken oder sterben, es könnte zu Lebensmittelknappheit kommen, der Bruder bekäme seine Medikamente nicht mehr…

Sozialphobien, mit denen Kinder schon vor der Pandemie zu kämpfen hatten, sind seit den Schulschließungen und dem Homeschooling oft intensiver und schlimmer geworden. Während der Lockdowns konnte (und musste) viel vermieden werden: Zur Schule gehen, andere Menschen treffen… Die Vermeidung hatte einen negativen Effekt: Da die Angst nicht angegangen wurde (z.B. „Ich unterhalte mich mit meinen Mitschüler*innen, obwohl ich Angst habe, mich zu blamieren“; „Ich halte das Referat, obwohl ich mich am liebsten verkriechen möchte“), konnten auch weniger positive Erfahrungen gemacht werden, in denen junge Menschen merkten: „So schlimm war es ja gar nicht – das mache ich wieder!“

Es gibt Kinder und Jugendliche, deren Eltern (oder ein Elternteil) eine Angsterkrankung haben/hat und die davon belastet sind. Unklar ist, was das Verhältnis von Erziehung und Genetik in Bezug auf Angstthemen ist, aber es liegt auf der Hand, dass es an Kindern nicht spurlos vorüber geht, wenn ihre Eltern schwerwiegende und dauerhafte Ängste haben, die auf eigene Vermeidung oder die ihrer Kinder hinausläuft. Wenn also die Eltern schon vor der Pandemie sehr ängstlich waren, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie jetzt noch mehr Angst haben und diese an ihre Kinder weitergeben.

Es gehört zur kindlichen Entwicklung, sich an Dingen die Verantwortung zu geben, auf die sie keinen Einfluss haben: „Weil ich nicht meine Hausaufgaben gemacht habe, hatte unser Hund einen Unfall!“ Diese kindliche Schuldlogik und Angst kann noch einmal größer werden, wenn es um eine Pandemie geht und Menschen schwer krank werden und/oder sterben. Die Angst, etwas falsch gemacht zu haben „und deshalb ist Oma im Krankenhaus!“ wird in extremen Bedingungen größer.

Die Ängste mancher jungen Menschen sind aber auch mit Covid zurückgegangen. Auf einmal waren sie gefühlt nicht mehr die einzigen, die Furcht hatten, und das erleichterte sie.

Ich wünsche uns allen, dass die Zeiten wieder angstfreier werden können.
Welche Ängste sind dir von deinen Schüler*innen bekannt?
Oder von anderen Kindern und Jugendlichen, die du in deinem Leben hast?
Was machst du in solchen Situationen?

Ich freue mich über deine Gedanken und Anregungen …
sagt Christa

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