„WhatsApp-Gruppen verbinden, und sie spalten.
Kaum ein digitaler Raum bringt Konflikte so schnell zum Eskalieren wie der Elternchat.“
Dr. Christa D. Schäfer
WhatsApp-Gruppen und Konflikte, ein wahrlich spannendes Thema. Aber erst mal langsam:
WhatsApp ist ein 2009 gegründeter Instant-Messaging-Dienst. Er hat etwa 2 Milliarden Nutzer:innen weltweit. Neben Text- und Sprachnachrichten können damit auch Bild-, Ton- und Video-Dateien versendet und empfangen werden. Auch das internetbasierte Telefonieren ist seit 2015 über WhatsApp möglich.
Besonders beliebt sind auch WhatsApp-Gruppen. Sie ermöglichen eine schnelle und unkomplizierte Kommunikation mit mehreren Personen gleichzeitig, wodurch das Organisieren von Treffen oder das Teilen von Informationen erheblich erleichtert wird. Das ist die eine Seite.
Und die andere Seite: Wenn ich in Seminaren nach Konflikten in Schulen und Kitas frage, dann werden von Erzieher:innen und Lehrkräften immer wieder WhatsApp-Gruppen genannt. Manchmal fällt dabei sogar das Wort „Toxische WhatsApp-Gruppen“. Das sind WhatsApp-Gruppen, in denen beispielsweise unter Schüler:innen Mobbing hochkocht. Oder es sind WhatsApp-Gruppen unter Eltern, in denen sich eine große Wut gegen Lehrkräfte, gegen die Schule oder auch gegen einzelne Schüler:innen und deren Eltern entlädt. Jedenfalls können WhatsApp-Gruppen schnell in einen heißen Konflikt führen.
Tatsächlich habe ich immer mal wieder eine Mediation, in der eine toxische WhatsApp-Gruppe das oder zumindest ein Thema in der Mediation ist. Und da dies vielleicht anderen Mediator:innen ebenso geht, möchte ich mit folgendem Gastbeitrag über den Gebrauch von WhatsApp-Gruppen in Schulen und Kitas aufklären.
Besten Dank an die Redaktion von anwalt.org für die Zusammenarbeit für die nun folgenden Ausführungen zum Thema „Toxische WhatsApp-Gruppen in Schulen und Kitas“.
Inhalt
Toxische WhatsApp-Gruppen in Kita und Schule
Soziale Netzwerke spielen seit einigen Jahren eine immer wichtigere Rolle im Leben aller. Nie war es so leicht, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten, sich auszutauschen und andere Menschen kennenzulernen.
Neben Facebook und Twitter gewann vor allem der Messenger WhatsApp an Beliebtheit. Nicht umsonst, denn er ist kinderleicht zu bedienen, verbindet die persönlichen Kontakte miteinander und kann sogar dazu genutzt werden, um Gruppenchats zu gestalten. Leider besitzen soziale Netzwerke nicht nur positive Seiten.
So kann es innerhalb der sozialen Netzwerke dazu kommen, dass aus kleineren Meinungsverschiedenheiten regelrechte Hetzjagden entstehen und letzten Endes immer jemand darunter leidet. Mobbing ist heutzutage ein großes Thema. Nicht zuletzt deshalb, weil es dank sozialer Netzwerke (wie WhatsApp) nicht vor der Haustür Halt macht. Es dringt in die eigene Komfortzone ein und sorgt selbst daheim dafür, dass man sich auf Dauer nicht mehr sicher fühlt.
Besonders schlimm ist es, wenn WhatsApp-Gruppen innerhalb von Schulen und Kitas dazu genutzt werden, um derartige Hetzkampagnen und Mobbing zu verbreiten. Man mag es nicht meinen, aber selbst Eltern, die in derlei Gruppen sachlich miteinander diskutieren sollten, geraten häufig in Streitereien. Sei es wegen ihrer Kinder oder wegen anderer Anlässe. Das Ganze entwickelt nicht selten eine gewisse Eigendynamik, deren Toxizität sich auf sämtliche Parteien auswirkt. Nicht selten bewegen sie sich jenseits der rechtlichen Ordnung.
WhatsApp-Gruppen dieser Art sind nicht nur wegen der Querelen untereinander ein Problem. Sie besitzen zudem ein datenschutzrechtliches Problem. Denn gerade WhatsApp legt zum Beispiel die Telefonnummern und andere Daten sämtlicher Gruppenteilnehmer offen, sodass diese möglicherweise sogar zu schädlichen Zwecken missbraucht werden können.
Glücklicherweise gibt es Möglichkeiten, derartige WhatsApp-Gruppen gelingen zu lassen und einen derartigen Ausgang zu vermeiden.
Ein typischer Fall: Wie ein Elternchat eskaliert
Es beginnt, wie so oft, ganz harmlos.
In der WhatsApp-Gruppe einer dritten Klasse schreibt eine Mutter am Nachmittag eine kurze Nachricht:
„Hat jemand die Mathe-Hausaufgaben? Mein Sohn hat sie nicht verstanden.“
Innerhalb weniger Minuten antworten mehrere Eltern. Fotos von Heften werden geschickt, kurze Erklärungen, hilfreiche Hinweise. Die Gruppe funktioniert – schnell, unkompliziert, unterstützend.
Dann meldet sich ein Vater:
„Vielleicht wäre es besser, wenn im Unterricht einfach vernünftig erklärt wird.“
Ein Satz. Nicht besonders lang. Aber er wirkt.
Eine Mutter reagiert sofort:
„Also meine Tochter hat es verstanden.“
Ein anderer Vater schreibt:
„Man kann auch nicht immer alles auf die Schule schieben.“
Die Stimmung kippt. Noch leise, aber spürbar.
Die ursprüngliche Frage nach den Hausaufgaben ist längst vergessen. Es geht jetzt um etwas anderes, nämlich um Bewertungen, um Haltung und um unterschwellige Vorwürfe.
Am Abend schreibt die erste Mutter erneut in die Gruppe:
„Ich wollte hier eigentlich nur Hilfe und keine Diskussion über Unterrichtsqualität.“
Doch die Dynamik ist bereits in Gang gesetzt.
Einige Eltern schreiben privat weiter – nicht in der Gruppe, sondern in kleinen Neben-Chats. Screenshots werden verschickt. Aussagen werden kommentiert, bewertet, zugespitzt.
„Hast du gesehen, was der geschrieben hat?“
„Typisch.“
„Das geht gar nicht.“
Am nächsten Tag wird es öffentlich.
Ein längerer Beitrag erscheint in der Gruppe. Der Ton ist schärfer:
„Ich finde es wirklich problematisch, wie hier manche sofort andere angreifen. Wir sollten uns mal überlegen, wie wir miteinander umgehen.“
Jetzt melden sich mehrere gleichzeitig. Nachrichten überschlagen sich. Einige versuchen zu beschwichtigen, andere verteidigen sich, wieder andere greifen erneut an.
Und dann passiert etwas, das ich in solchen Gruppen häufig beobachte:
Es bilden sich Lager.
Die einen stimmen zu.
Die anderen fühlen sich angegriffen.
Und viele lesen nur noch still mit.
In der Schule ist die Situation längst angekommen.
Kinder erzählen zu Hause, dass ihre Eltern „Stress in der Gruppe“ haben.
Auf dem Schulhof schauen sich manche Eltern nicht mehr an.
Die Lehrerin wird indirekt zum Thema gemacht, ohne selbst beteiligt zu sein.
Was als kleine, alltägliche Frage begann, ist zu einem echten Konflikt geworden.
Und genau hier zeigt sich die besondere Dynamik von WhatsApp-Gruppen:
Sie sind schnell. Sie sind direkt. Und sie sind öffentlich.
Das, was früher vielleicht in einem kurzen Gespräch vor der Kita oder der Schule geklärt worden wäre, bekommt hier eine ganz andere Wucht.
Denn jede Nachricht bleibt stehen.
Jede Formulierung kann erneut gelesen, weitergeleitet und interpretiert werden.
Und jede Reaktion passiert unter den Augen aller.
Der Konflikt hat sich nicht nur entwickelt – er hat sich verstärkt.
Und oft braucht es an diesem Punkt mehr als nur eine weitere Nachricht, um ihn wieder zu lösen.
Warum Konflikte in WhatsApp-Gruppen so schnell eskalieren
Wenn ich in Mediationen auf WhatsApp-Konflikte schaue, fällt mir immer wieder auf: Nicht nur die Inhalte machen den Konflikt groß – sondern vor allem die Art der Kommunikation.
WhatsApp verändert, wie wir miteinander sprechen. Genau darin liegt die Herausforderung.
Ein zentraler Punkt ist das Fehlen nonverbaler Kommunikation. Wir sehen unser Gegenüber nicht, hören keinen Tonfall und nehmen keine Mimik wahr. Ein neutral gemeinter Satz wirkt schnell wie ein Vorwurf, ein kurzer Kommentar plötzlich schärfer als gedacht.
Hinzu kommt die Geschwindigkeit. Menschen schreiben Nachrichten spontan und schicken sie sofort ab, ohne Pause, ohne Innehalten. Im direkten Gespräch würden sie vieles durch ein Lächeln oder ein „So war das nicht gemeint“ abfedern, im Chat lassen sie es unverändert stehen.
Und dann ist da die Öffentlichkeit. In Gruppen lesen viele gleichzeitig mit. Jede Nachricht richtet sich an alle – das erzeugt Druck. Reaktionen orientieren sich nicht nur am Inhalt, sondern auch daran, was die Gruppe denken könnte.
Positionen verhärten sich dadurch schneller. Menschen fragen seltener nach, sondern interpretieren. Sie hören weniger zu und reagieren stattdessen sofort. Und sie klären nicht, sie argumentieren.
Auch die Dauerhaftigkeit spielt eine Rolle. Nachrichten bleiben sichtbar, können erneut gelesen oder weitergeleitet werden. Das verstärkt Emotionen und erschwert es, Missverständnisse aufzulösen.
Zudem entstehen viele Konflikte in Nebengesprächen. In privaten Chats bewerten Menschen Aussagen und spitzen sie zu. Eigene Dynamiken entstehen, die später verstärkt in die Gruppe zurückwirken.
Was im direkten Kontakt vielleicht nur ein kurzer Irritationsmoment wäre, wird digital schnell zum handfesten Konflikt.
Deshalb braucht es im Umgang mit WhatsApp-Gruppen vor allem eines: Bewusstsein für Kommunikation.
Denn WhatsApp ist ein starkes Werkzeug – aber kein guter Ort, um Konflikte zu klären.
Wie sieht die rechtliche Lage aus?
Die Anonymität des Internets mag zwar bequem anmuten, um eine Mobbing-Kampagne zu starten, doch ist der WhatsApp-Chat inzwischen kein rechtsfreier Raum mehr. Werden Kinder das Opfer von Mobbing, haben Eltern die Möglichkeit einzugreifen und rechtliche Schritte einzuleiten.
Noch immer gibt es den Trugschluss, dass unter 14-Jährige nicht haftbar gemacht werden können und sie somit praktisch Narrenfreiheit haben. Geht man nach dem Zivilrecht, können Kinder bereits ab einem Alter von sieben Jahren haftbar gemacht werden, sofern sie Einsicht zeigen und volles Bewusstsein über das, was sie tun, besitzen. Die Grundlagen hierfür sind im Paragraphen 828 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) abgefasst.
So haben Eltern die Möglichkeit, eine Unterlassungsklage zu stellen, die mit Unterlassungsansprüchen einhergeht. Das auslösende Kind ist im Zuge dessen dazu verpflichtet, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben, in welcher es verspricht, sein Verhalten zu ändern. Kommt das Kind dieser Pflicht nicht nach, folgen hohe Vertragsstrafen. Zudem muss der Schädiger sämtliche Kosten für den Anwalt tragen.
Hat das Kind das 14. Lebensjahr erreicht, kommt das Jugendstrafrecht zum Einsatz. Ab dann werden Kinder gemäß Strafgesetzbuchs bestraft und das Opfer kann nicht nur Schadensersatz, sondern auch Schmerzensgeld einklagen. Kommt es beim Mobbing zum Stalking, bestehen noch andere Optionen, die man in Anspruch nehmen kann.
Anhand dieser Schilderungen ist es vorstellbar, dass auch Eltern keine freie Handhabe innerhalb von WhatsApp-Gruppen besitzen. Sie werden nach dem gewöhnlichen Strafgesetzbuch bestraft, sollte es zu etwaigen Aktionen kommen. Sie genießen hierbei keinerlei Sonderrechte.
Wie können WhatsApp-Gruppen gelingen?
WhatsApp speichert persönliche Inhalte extern, sodass oft unklar bleibt, wer darauf Zugriff hat. Damit verstößt der Dienst gegen Datenschutzanforderungen der DSGVO, weshalb Unternehmen ihn aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht nutzen sollten. Dies ist auch der Grund, warum solche Gruppen innerhalb von Schulen und Kitas häufig untersagt werden. Doch nur wenige halten sich wirklich daran.
Nach wie vor bleibt die Frage, wie der Träger hiermit umgehen soll. Im Grunde besitzt er mehrere Optionen. Er kann Möglichkeiten wie WhatsApp erlauben, stellt jedoch ein paar klare Regeln zum Umgang untereinander auf. Ebenso bieten viele Schulen heutzutage eine eigene Cloud an, deren Nutzung gleichzeitig mit der Einhaltung gewisser Verhaltensregeln einhergeht. Verstößt ein Teilnehmer dagegen, wird er mit der Sperrung der Teilnahme bestraft.
Es erweist sich außerdem stets als vorteilhaft, wenn Lehrer und Betreuer offen mit dem Thema umgehen, statt es grundsätzlich zu verteufeln.
Was die Einhaltung des Datenschutzes angeht, können Träger jedoch noch weitere Möglichkeiten nutzen:
- Verpflichtung auf das Datengeheimnis: Erzieher und Lehrer haben eine Aufsichtspflicht, der sie nachkommen müssen. Sie können Eltern somit ein Schreiben bereitstellen, in dem diese sich verpflichten, das Datengeheimnis zu wahren.
- Aufklärung über die Verbreitung von Daten: Kläre Eltern und Schüler darüber auf, dass WhatsApp alle versendeten Daten – inklusive Texte und Fotos – außerhalb der EU verarbeitet und speichert. Somit besteht immer das Risiko, dass Dritte Zugriff auf die Daten erlangen, was vom Träger nicht beeinflusst werden kann.
Tipps für gelingende WhatsApp-Gruppen
WhatsApp-Gruppen können den Alltag in Kita und Schule erleichtern – wenn sie gut gestaltet sind. Entscheidend ist dabei weniger die Technik als die Art der Kommunikation.
Zu Beginn ist es sinnvoll, sich auf gemeinsame Regeln zu verständigen. Diese können vorgegeben oder gemeinsam entwickelt werden. Wichtig ist ein klarer Rahmen, der Orientierung gibt und in dem sich alle sicher bewegen können.
Ebenso hilfreich sind klare Absprachen darüber, wofür die Gruppe genutzt wird – und wofür nicht. Geht es um organisatorische Informationen? Sind Diskussionen erwünscht? Wie wird mit Kritik umgegangen? Solche Klärungen können viele Missverständnisse vermeiden.
Auch der bewusste Umgang mit Sprache spielt eine zentrale Rolle. Kurze Nachrichten wirken oft schärfer als gemeint. Es lohnt sich daher, vor dem Absenden kurz innezuhalten: Ist die Nachricht verständlich und respektvoll formuliert?
In vielen Gruppen hat es sich bewährt, eine moderierende Rolle festzulegen. Moderator:innen achten auf die Einhaltung der Regeln und unterstützen dabei, den Fokus zu bewahren. Gerade in größeren Gruppen kann es sinnvoll sein, diese Verantwortung zu teilen.
Gleichzeitig braucht es das Bewusstsein, dass nicht jeder Konflikt in die Gruppe gehört. Bei Spannungen ist es oft hilfreicher, Gespräche persönlich oder telefonisch zu führen. Das schützt die Beziehung und verhindert unnötige Eskalationen.
Gelingende WhatsApp-Gruppen zeichnen sich nicht dadurch aus, dass es keine Konflikte gibt, sondern dadurch, dass respektvoll und verantwortungsvoll mit ihnen umgegangen wird.
Wir wünschen gutes Gelingen für Ihre Gruppen. 🌷🌷🌷


