Tipps für den Umgang mit ängstlichen Menschen

Umgang mit ängstlichen Personen

In vielen Teams gibt es ängstliche Menschen, da ist es gut über den Umgang mit ängstlichen Menschen Bescheid zu wissen. So kann man sich besser vorstellen, woher die Angst kommen könnte. Und man kann auf jeden Fall auch besser und sensibler auf schwierige Situationen reagieren.

Ein ängstlicher Kollege

Matthias ist neu im Team. Er ist allgemein ängstlich, schüchtern und zurückgezogen, traut sich nicht viel zu und hat eine geduckte Haltung, als würde ihn jeden Moment ein Unwetter der Wut erwarten. Fast immer wirkt Matthias angespannt und furchtsam, und in bestimmten Situationen – z.B. bei einem Teamtreffen, wo es Meinungsverschiedenheiten gibt – sieht er wie erstarrt aus. Er ist überaus bedacht, es allen recht zu machen und sehr perfektionistisch. Es wirkt, als ob Matthias den Raum liest und versucht, abzuchecken, wie Menschen reagieren. Immer wieder fragt er: „Bist du sauer auf mich?“, was andere irritiert. Matthias’ Angst und Unsicherheit ist befremdlich für das Team.

Was hinter dem ängstlichen Verhalten steckt

Hinter dem ängstlichen Verhalten stehen je nach Person ganz unterschiedliche Gründe; die Ursachen sind vermutlich so zahlreich wie die Menschen, die ängstlich sind. Bei Matthias ist es so, dass er einen unberechenbaren und gewalttätigen Vater hatte. Als er ein Kind und Teenager war, explodierte Matthias’ Vater aus dem Nichts heraus wegen Kleinigkeiten. Wie ein urplötzliches Gewitter aus einem blauen und komplett wolkenlosen Himmel begann der Vater zu wüten, schrie alle an, warf mit Gegenständen, schlug die Kinder. Oder er hörte auf, mit ihnen zu sprechen, ohne dass sie wussten, warum.

Seltsam war: Manchmal rastete der Vater aus und manchmal, in genau denselben Situationen, blieb er ganz ruhig. Seine Reaktionen folgten keiner von außen nachvollziehbaren Logik. Für Matthias und seine Geschwister war der Vater unvorhersehbar, launenhaft und willkürlich. Matthias achtete auf die kleinsten Anzeichen, um bei Bedarf mit den kleineren Brüdern raus zu gehen, bevor es zu gefährlich wurde oder um abzuschätzen, ob die Lage im grünen Bereich wäre bzw. sie ins Zimmer gehen und abschließen sollten.

Matthias hat schon als kleines Kind gelernt, dass die Welt ein gefährlicher Ort ist. Das Gefühl der Angst und Unsicherheit hat ihn seine gesamte Kindheit und Jugendzeit über begleitet und ihn stark geprägt. Heute hat Matthias große Angst in Situationen, die für andere höchstens unangenehm sind oder Grund für Nervosität bieten. Er hat Angst, dass jemand sauer auf ihn ist, unzufrieden mit ihm ist oder dass er etwas falsch macht. Auch wenn er theoretisch weiß, dass bei einem Fehler seine Kolleg*innen ihn nicht anschreien oder schlagen werden, fühlt es sich emotional so an. Und wenn jemand eine Weile nicht mit ihm spricht, befürchtet er, dass die Person wütend auf ihn ist.

Für sein Arbeitsumfeld wirkt Matthias’ Verhalten übertrieben. Das Team ist nett; niemand würde ihm den Kopf abreißen, wenn etwas daneben geht, aber Matthias verhält sich so, als erwarte er genau das! Seine Kolleg*innen wissen nicht, dass im Rahmen von Matthias’ Erfahrungen die Angst für ihn durchaus einen Sinn ergibt. Der väterliche Ärger konnte gefährliche Konsequenzen für Matthias und seine Geschwister haben, und deshalb war ständige Wachsamkeit wichtig. Doch die Strategien und Instinkte, die Matthias sich als Kind angeeignet hat, um sich sicherer zu fühlen, stehen ihm jetzt bei Arbeitsbeziehungen und -abläufen im Weg.

Matthias ist einer von zahlreichen Menschen, die eine Angstthematik haben. Andere Personen fürchten sich vor spezifischen Dingen – mit dem Flugzeug fliegen, Spinnen, engen Räumen, Menschenmassen. Andere haben eine Generalisierte Angst“störung“ (GAS), wo sich die Angst auf alles stürzt, was gerade in den Sinn kommt. Kurz: Es gibt unterschiedliche Formen von Angst, Gründe und Auslöser dafür, aber Fakt ist, dass viele Menschen mit einer Angstthematik durchs Leben gehen, welche alltägliche Abläufe für sie verkompliziert.

Angst bei Kindern und Jugendlichen

Bereits früher in diesem Blog schrieb ich über Angst bei Kindern und Jugendlichen.
Lies dazu gerne: Angst und Schule in den Zeiten der Pandemie
sowie 7 Übungen und 4 Ideen gegen die Angst.

Was sind gute Tipps für den Umgang mit ängstlichen Menschen?

Kolleg*innen können häufig die Angst ihres Gegenübers wahrnehmen und fragen sich: Was kann ich tun und was sollte ich lieber vermeiden? Im Folgenden nenne ich 7 Dos und 4 Don’ts im Umgang mit ängstlichen Menschen – diese sind auch geeignet für Menschen mit spezifischen Phobien oder mit einer Generalisierten Angst“störung“.

7 Dos

  1. Akzeptanz: Es ist wichtig zu akzeptieren und zu respektieren, dass dein Gegenüber Angst hat. Du musst die Furcht nicht verstehen oder teilen. Vielleicht findest du die Angst auch übertrieben oder unrealistisch. Von Bedeutung ist, dass du es stehen lässt, dass die andere Person ängstlich ist und das nicht zur Debatte steht.
  2. Offene Fragen stellen: „Wie geht es dir?“ Das ist besser als etwa ein „Alles in Ordnung?“ Letzteres engt die Möglichkeiten zu antworten ein und bringt häufig Menschen dazu, „Ja, alles okay“ zu sagen, auch wenn ihnen nicht danach ist.
  3. Ehrlich sein: Wenn etwas Schwieriges ansteht, dies transparent machen. Leere Versprechen wie „Alles wird gut“ oder „Wir müssen uns um nichts Sorgen machen“ sind nicht hilfreich.
  4. Auf Augenhöhe bleiben: Behandele die andere Person mit Achtung und als gleichberechtigtes Gegenüber. Nur weil jemand ängstlich ist, ist die Person nicht weniger klug, fähig oder verantwortlich als du. Bevormundung tut niemandem gut.
  5. Das Gegenüber als Expert*in für dessen Leben betrachten: Die andere Person lebt jeden Tag mit der Angst und leistet seit Jahren im Beruf und im Privatleben viel – trotz und auch mit der Angst. Dein Gegenüber hat Strategien und Tricks gelernt, um alles mögliche im Angesicht der Furcht zu machen. Die Angst ist eine zusätzliche Belastung, die ganz schön viel Energie und Kapazitäten schluckt, und nichtsdestotrotz bewältigt die Person Situationen, Tag für Tag, Jahr um Jahr. Das ist ganz schön stark und zeugt von Mut!
  6. Sicherheit vermitteln: Mit Mimik, Stimme und durch das, was du sagst, zeigst du: Es ist alles okay. Frag nach, ob und an welchen Punkten dein Gegenüber Unterstützung brauchen kann. Zeig, dass du da bist, wenn die Person Hilfe benötigt.
  7. Selbstvertrauen stärken: Mit positivem Feedback kannst du die ängstliche Person bestärken und ermutigen. Das Lob sollte dabei unbedingt ehrlich sein und von Herzen kommen. Was verbessert werden kann, vermittelst du konstruktiv und mit Blick auf das Zufriedenstellende.

4 Don’ts

  1. „Du musst doch keine Angst haben“: Erklären, weshalb die Person keine Angst haben sollte und weshalb es auch überhaupt keinen Anlass für Angst gibt oder ausführen, weshalb etwas statistisch gesehen unwahrscheinlich ist. Das hat die Person sicher schon sehr, sehr häufig gesagt bekommen und kann es nicht mehr hören. Angst ist ein Gefühl, und Fakten helfen da nicht unbedingt. Außerdem sprichst du dem betreffenden Menschen ab, wie er sich nun einmal fühlt. Statistiken hin oder her – die Emotion der Angst ist real.
  2. Versuchen, die Person zu ändern: Du kannst keinen Menschen verändern außer dich selbst. Eine Angstthematik ist über viele Jahre bzw. Jahrzehnte gewachsen, sie hat sich entwickelt und hat eine Geschichte. Die Person lebt jeden Tag damit. Mach dir nicht zur Aufgabe, dass sie weniger Angst hat – du bist nicht deren Therapeut*in und es ist nicht dein Job, dass der betreffende Mensch angstfrei wird.
  3. Ratschläge geben: Ungefragt Ratschläge zu geben ist selten hilfreich, und das gilt auch für den Umgang mit Furcht. Wenn du selber keine Angstthematik hast, dann kannst du nicht nachvollziehen, wie es deinem Gegenüber geht. Menschen mit Angst haben schon vieles gegen die Angst ausprobiert, und was ihnen von Kolleg*innen oder Bekannten geraten wird, sind i.d.R. Ergebnisse einer einfachen Google-Suche. Den Inhalt haben sie sicher schon gehört und gelesen. Außerdem: Mit Ratschlägen stellst du dich über die andere Person und suggerierst, dass du es besser weißt. Damit fühlen sich die wenigsten Menschen gesehen, verstanden, respektiert und angenommen.
  4. Unter Druck setzen: Wenn du dein Gegenüber dazu drängst, sich zu entspannen, zu beruhigen, sich etwas nicht zu Herzen zu nehmen, aus sich herauszukommen, sich zusammenzureißen oder es „doch einfach zu vergessen“, dann ist das keinesfalls hilfreich, sondern setzt die Person unter Druck – noch zusätzlich zu ihrer eigentlichen Angst.

Was sind deine Erfahrungen mit Angst – deiner eigenen oder der von anderen? Wie gehst du damit um? Was findest du hilfreich und was nicht?

Ich freue mich auf deine Antworten …

sagt Christa Schäfer

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